CfP: Die DDR im sozialen Gedächtnis – theoretische und empirische Zugänge

CfP zur Tagung des Arbeitskreises „Soziales Gedächtnis, Erinnern und Vergessen“ in der Sektion Wissenssoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS)

am 12. und 13. März 2015 im Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB)

Deadline für Abstracts: 31. Juli 2014

Im Herbst 2014 jährt sich der Fall der Berliner Mauer zum fünfundzwanzigsten Mal. Zudem feiert das vereinigte Deutschland im nächsten Jahr sein 25-jähriges Jubiläum. Erinnern und Vergessen eines zentralen Ereignisses der jüngeren deutschen Geschichte rücken damit wieder in den Fokus der Öffentlichkeit. Der Arbeitskreis „Soziales Gedächtnis, Erinnern und Vergessen“ in der Sektion Wissenssoziologie der DGS nimmt dies zum Anlass, im Rahmen einer Tagung nach der Repräsentation der DDR im sozialen Gedächtnis zu fragen.

 

In den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten haben sich auf zahlreichen gesellschaftlichen Ebenen unterschiedliche Vergangenheitsdiskurse herausgebildet, die eine Vielfalt DDR-bezogener Gedächtnisse vermuten lassen. Die Tagung richtet daher den Blick auf die Konstitution sowie die Rekonstruktion dieser Gedächtnisformen und fragt danach, auf welche Weise, unter welchen Bedingungen und mit welchen Folgen diese aufeinander Bezug nehmen – oder nicht. So lassen sich (private) Erinnerungsgemeinschaften wie Familien, (sub-)politische Vereinigungen oder auch religiöse Gruppen, die in ihrer kommunikativen Praxis implizit oder explizit DDR-Narrative erzeugen, von jenen Gedächtnisformen unterscheiden, die in Form (öffentlich) organisierten Erinnerns auf die Vergangenheit rekurrieren mit dem Ziel, ein offizielles Geschichtsbild zu etablieren. Darüber hinaus spielen auch Massenmedien und (erinnerungs-)politische Diskurse in Bezug auf die DDRVergangenheit eine entscheidende Rolle. Doch nicht alles findet Eingang in die Auf-, Be- und Verarbeitung von Vergangenheit, sodass auch ein Blick auf das notwendig ist, was in Vergessenheit gerät und somit – bewusst oder unbewusst – aus dem sozialen Erinnerungsprozess ausgeklammert wird. Entsprechend gilt es ebenfalls zu fragen, welche Relevanzen hinter dem Vergessen bestimmter Aspekte der DDR-Vergangenheit stehen.


Gesucht werden sowohl Beiträge, die am Beispiel der DDR-Vergangenheit theoretische Einsichten zu Konstitutionsbedingungen und Funktionsweisen sozialer Gedächtnisse ermöglichen, als auch solche, die auf empirischen Forschungsergebnissen aufbauend konkrete Prozesse der Ausdifferenzierung von Erinnern und Vergessen in Bezug auf die DDR in den Blick nehmen. Erwünscht sind unter anderem Beiträge zu folgenden, keineswegs erschöpfenden Fragestellungen:

 

  • In welchem Verhältnis stehen die öffentliche (politische, mediale, kulturelle) Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheit und private oder gruppenspezifische Erinnerungsdiskurse? Inwiefern lassen sich Spannungen und konkurrierende Leiterzählungen sowie eine Ausbildung divergierender sozialer Gedächtnisse beobachten? Welche unterschiedlichen Modi des Erinnerns und Vergessens finden auf den jeweiligen Ebenen statt?
  • Wie gestaltet sich die DDR-Erinnerung in Bezug auf den wechselseitigen inter- und intragenerationalen Austauschprozess geschichtlichen Wissens? Wie erfolgt die Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen DDR-Generationen und Angehörigen nachfolgender Generationen? Können wir in Bezug auf die DDR-Vergangenheit bereits von einem „floating gap“ nach Assmann (1992) sprechen, der kulturelle Erinnerungspraktiken im Vergleich zum kommunikativen Gedächtnis als Generationengedächtnis zunehmend bedeutsamer werden lässt?
  • Welche Ereignisse und Erfahrungen der DDR-Vergangenheit werden erinnert, welche hingegen vergessen? Wann, warum und in welchen Kontexten findet das Vergessen DDRspezifischer Orientierungen und Deutungsmuster statt? Welche Funktion erfüllt das Vergessen der Vergangenheit für die Gegenwart? Was muss bewusst ausgegrenzt und verdrängt werden, um die jeweilige Leiterzählung nicht zu gefährden? Inwiefern findet durch Vergessen und Verdrängen oder aber durch eine idealisierende Verklärung und Überzeichnung „positiver“ Erinnerungen eine Mythenbildung statt, die zu einer Überhöhung und Glorifizierung der DDR als identitätsstiftendem Moment im gesellschaftlichen Umbruch führt?
  • Wie wird international auf die DDR geblickt und welche narrativen Rahmungen spielen dabei eine Rolle? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der international geführten Debatte um das DDR-Gedächtnis und entsprechenden  Vergangenheitsdiskursen im deutschsprachigen Raum lassen sich feststellen?
  • Lässt sich auch nach 25 Jahren Wiedervereinigung eine spezifische „Ost-Identität“ ausmachen, von der etwa Thomas Ahbe (2013)2 spricht? Kann diese ggf. auf DDR-spezifisches habituelles Wissen und routinierte Alltagspraktiken zurückgeführt werden? Oder spiegelt sie vielmehr eine Reaktion auf den abrupt erfolgten gesellschaftlichen Wandlungsprozess nach 1989 wider? Welche gemeinschaftsbildenden Narrative leben – etwa in Form von ‚Ostalgie‘ – darin weiter, welche müssen hingegen verdrängt und vergessen werden, um eine gemeinsame Identität ausbilden zu können?
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