Exkursion zum ZKM Karlsruhe zur Ausstellung von Bruno Latour: Erfahrungsbericht, ausgewählte Bilder

Am 6.7. gingen wir mit dem Hauptsemina "Kunst und Ästhetik in der Gesellschaft" auf eine ganztägige Exkursion zum ZKM in Karlsruhe zur Ausstellung "Reset Modernity", die von Bruno Latour in Zusammenarbeit mit Künstlern und Kunstwissenschaftlern kuratiert wurde. Diese Ausstellung war insbesondere für Soziolog*innen, die sich mit Kunst, mit Phänomenologie und/oder mit Fragen der Nachhaltigkeit beschäftigen, eine ganz besondere Erfahrung! Eindrücke von der Exkurion sehen Sie auf einigen Fotografien weiter unten auf dieser Seite.

Ein sehr herzlicher Dank geht an das Dekanat unserer Philosophischen Fakultät, die diese Exkursion sehr unterstützt und finanziell gefördert hat!

(Prof. Dr. Aida Bosch, Seminarleiterin)

 

 

Exkursionsbericht von Philipp Huber, Teilnehmer des HS Ästhetik und Kunst in der Gesellschaft:

"Was tun, wenn man sich verlaufen hat und der Kompass
auf dem Smartphone verrückt spielt? Man führt einen
Reset durch!"
(Aus dem Fieldbook der Ausstellung)

 
Nach der dreistündigen Busfahrt und angeleiteter Einführung in die Ausstellung konnten wir mit der
freien Erkundung beginnen. Eine Einleitung war durchaus sinnvoll – abgesehen vom
obligatorischen Fieldbook blieb man ansonsten auf sich gestellt. So erlebte man trotz der
erklärenden Worte zu Konzept und Kernaspekten der Ausstellung ganz unvermutet dieses Gefühl
der Verlorenheit und Desorientierung, welches Latour beim typischen Menschen der Moderne
diagnostiziert. Angesichts der unbekannten Kunstwerke, vage durch die Anregungen des Fieldbooks
in einen Zusammenhang gebracht, sollte man sich nun wie ein Navigationssystem selbst
zurücksetzen.
Von selbst ging das natürlich nicht, und so wurde die Ausstellung in 6 aufeinanderfolgende
procedures aufgeteilt, durch deren gedankliche Erarbeitung jeweils ein geschlossener, aber im
Gesamten unverzichtbarer Gedankengang ästhetisch erarbeitet werden sollte. So stellte sich die
zweite procedure, anknüpfend an die Neuverortung des Globalen in der Ersten, dem Problem des
modernen Subjekt-Objekt Denkens und stellte die rätselhafte Frage: Befinden wir uns außerhalb
oder innerhalb der Welt?
Dass man Fragen dieses Kalibers nicht unbedingt auf Anhieb beantworten kann, wurde in der
Konzeption der Ausstellung merklich berücksichtigt. Auch als Laie in den Fragestellungen der
modernen Philosophie wurde man vom Fieldbook entlang der Exponate zu einem persönlich
befriedigendem Ergebnis angeleitet, ohne das Gefühl zu haben etwas wesentliches zu verpassen.
Schließlich hängt der Erfolg des resets größtenteils von der eigenen Bereitschaft ab, sich auf die
komplizierten, oft nur fragmentarisch ausgedrückten Gedankenspiele Latours einzulassen.
So gelangt man aus einer ersten allgemeinen Verunsicherung über die Neubestimmung von
Globalität, der Position des Menschen in dieser oder jener "Welt" mitten in eine Erfahrung (sic!) des
„Anthropozäns“, vermittelt durch Kunstwerke der unterschiedlichsten Formate, Materialien,
Aussagen. An dieser Stelle erreichte die Ausstellung für mich einen ihrer Höhepunkte, indem sie
mittels ästhetischer Erfahrungen Gedanken vermittelte, welche auch in ihrem Gehalt die Grenzen
einer rein sprachlich vermittelten Philosophie auf ungewohnte Weise zu übertreten schienen.
Nachfolgend wurden weitere, konkrete Themen wie nationale Grenzen, Religionen und Technik
unter der unsichtbaren Anleitung Latours im Bewusstsein des Besuchers säuberlich zerlegt und
durch Betrachtung, Benutzung oder Hören der Exponate wieder neu zusammengesetzt. So stellt
beispielsweise eines der Kunstwerke den modernen Blick auf technische Artefakte in Frage, indem
es die Konstruktion eines Toasters ohne jegliche industrielle Verfahren dokumentiert. Hat man die
procedures durchlaufen, findet man sich in einem anschließenden kleineren Teil der Ausstellung
wieder, welcher die Nutzung der globalen Erdölvorkommen behandelt. Die aufgeworfenen Fragen
haben sich in einem Verständnis des menschlichen Standorts in der Welt gelöst, welches sich im
Vergleich mit dem mitgebrachten Vorwissen wie ein wirklicher reset anfühlte.
Es ist wohl richtig, dass abhängig von Vorwissen und Weltanschauung die Erfahrungen der
Ausstellung mehr oder weniger stark voneinander abweichen. Allen Interessenten kann daher nur
geraten sein, sich genügend Zeit zu nehmen und durch anfängliche Verständnisschwierigkeiten
nicht aus der Fassung bringen zu lassen – der Abschluss der procedures ist es definitv wert.


Link zum Fieldbook: http://zkm.de/media/file/de/2016-zkm-reset-modernity-fieldbook_d.pdf

(Philipp Huber)

 

 

 

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