Stellungnahme des Instituts für Soziologie zur Diskussion um Plagiate

In der öffentlichen Auseinandersetzung der letzten Tage um die Dissertation von Freiherr von und zu Guttenberg ist gelegentlich der Eindruck erweckt worden, es handele sich bei der Übernahme fremder Gedanken in die eigene wissenschaftliche Arbeit um ein Kavaliersdelikt,da es ja jedem einmal passieren könne, die Quelle einer Idee zu vergessen. Dazu ist festzustellen:

1. Im vorliegenden Fall handelt es sich bei dieser Argumentation um eine untragbare Verharmlosung eines schweren wissenschaftlichen Fehlverhaltens. Ohne der noch laufenden Prüfung der Universität Bayreuth in Bezug auf die Vorsätzlichkeit dieses Verhaltens unziemlich vorzugreifen, ist es für wissenschaftlich arbeitende Personen nicht vorzustellen, wie eine solch durchgängige Täuschung durch reine Nachlässigkeit und ohne Vorsatz zustande kommen soll. (Siehe hierzu den Kommentar von Jürgen Kaube in Frankfurter Allgemeine/faz-net vom 21.02.2011: „Vgl. auch Guttenberg 2009”.)

2. Wenn noch ein Rest der Humboldtschen Universitätsidee durch die Reformen der letzten Jahre hindurch gerettet werden darf, dann sollte dazu das Ideal einer Persönlichkeitsbildung durch wissenschaftliches Arbeiten gehören, das u. a. auch eine „der-Zweck-heiligt-die-Mittel-Attitüde” nicht durchgehen lässt. Mit diesem Bildungsziel sollte sich ein solches Vorgehen vom Selbstbild und von der Selbstachtung eines jeden einzelnen von selbst verbieten.Wer es profaner und ohne Wertbezug haben möchte, mag sich bewusst machen, dass soziale Organisationen wie auch ganze Gesellschaften für ein erfolgreiches Arbeiten und ein friedliches Zusammenleben das Kapital „Vertrauen” benötigen – dies schließt Beliebigkeit in der Setzung von Werten und in der Anwendung von Normen aus. Dieses Grundverhältnis des Vertrauens hat Herr zu Guttenberg durch sein Verhalten beschädigt, und es wird von den ihn heute noch stützenden Personen und Gruppen aus machtpolitischen Gründen weiterhin beschädigt. Ein solches Verhalten beeinträchtigt den sozialen Zusammenhalt einer Gesellschaft und ihre moralischen Grundlagen ebenso wie die Stellung und die Funktion der Wissenschaft in der Gesellschaft. (Zu letzterem siehe die Presseerklärung des Deutschen Hochschullehrerverbandes: „DHV empört über Verharmlosung von Plagiaten” sowie den Kommentar von Thomas Steinfeld: "Die verachtete Wissenschaft" in sueddeutsche.de)

3. Die Diskussion um diesen Fall hat aber erfreulicherweise zur Folge, dass die besonderen Ansprüche wissenschaftlichen Arbeitens in das öffentliche Bewusstsein gerückt wurden, so dass für zukünftige Arbeiten Unkenntnis dieser Regeln nicht geltend gemacht werden kann. Das Institut für Soziologie hat seine Studierenden bereits vor Bekanntwerden dieses Falles auf die auf der Homepage des Instituts zusammengestellten Regeln für schriftliche Arbeiten hingewiesen. Zu begrüßen ist in diesem Zusammenhang die ausdrückliche Feststellung der Universität Bayreuth, dass das Verhängen von Konsequenzen im Falle des Nachweises einer Täuschung nicht an den Nachweis eines Täuschungsvorsatzes gebunden ist: Die Tatsache selbst reicht dafür aus.  Dies fördert eine entsprechend gewissenhafte Prüfung durch die Verfasserin oder den Verfasser einer wissenschaftlichen Arbeit – eigentlich eine Selbstverständlichkeit (die aber, dies ist leider anzumerken, auch von etablierten Mitgliedern der Wissenschaftlergemeinschaft nicht immer eingelöst wird). Als Soziologen  können wir uns aber mit der Erkenntnis Emile Durkheims trösten, dass es der Normabweichler ist, der die Norm wieder ins öffentliche Bewusstsein rückt und ihr damit – wir hoffen: verstärkt – wieder zur Geltung verhilft. (Erziehung, Moral und Gesellschaft. Vorlesung an der Sorbonne 1902/1903. Frankfurt a.M. 1984, z.B. S. 214: "Wir haben gesehen, daß die Autorität der Regel gar nicht in ihrer Strafe liegt, daß diese aber verhindert, daß die Regel ihre Autorität verliert, die die täglich begangenen Verstöße ihr nach und nach entziehen würden, wenn sie unbestraft blieben.")

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