7./8.3.2013 „Der Körper als Gedächtnis?“ in München

Der Körper als Gedächtnis? Potenziale und Grenzen praxistheoretischer, alltags- und
körpersoziologischer Zugänge zu sozialem Erinnern und Vergessen


Nicht nur im alltäglichen Verständnis, sondern auch in weiten Teilen des sozialwissenschaftlichen und politischen Diskurses gelten Gedächtnis, Erinnern und Vergessen primär als Bewusstseinsvorgänge und mentale Prozesse, nämlich als Aufbewahrung, Wiedererlangung oder Verlust sprachlich oder bildhaft vorliegender Bewusstseinsinhalte und Wissensbestände. Diese Sichtweise wurde durch die französische Theorietradition um den Begriff des kollektiven Gedächtnisses (Maurice Halbwachs) ebenso erweitert wie durch die jüngere Konzeption eines kulturellen Gedächtnisses (Jan und Aleida Assmann). Gleichwohl ist vor allem in den letzten Jahren auch in der Soziologie – nicht zuletzt im Anschluss an die Lebensphilosophie Henri Bergsons auf der einen und die Phänomenologie Maurice Merleau-Pontys auf der anderen Seite – zunehmend erkannt worden, dass Gedächtnis, Erinnerung und Vergessen auch eine körperliche Seite haben oder sogar körperbasierte, körperliche Vorgänge sind. Damit ist nicht nur gemeint, dass auch mentale Prozesse an einen Körper gebunden sind (vgl. Jörg Michael Kastl), sondern dass sich gesellschaftliche und gesellschaftlich geprägte individuelle Vergangenheiten gleichsam „direkt“ in den Körper einschreiben oder sogar gezielt in ihn eingeschrieben werden (vgl. Alois Hahn).


Die Soziologie bietet hierfür eine Reihe von Theorieperspektiven an. Zu den prominentesten gehört sicherlich Pierre Bourdieus Konzept des Habitus, worin der Körper, so Bourdieu, als „Gedächtnisstütze“ für frühere (klassen- und/oder geschlechtsspezifische) soziale Prägungen fungiert. Der Körper rufe sich aber die Vergangenheit nicht als Wissensinhalt ins Gedächtnis, sondern im Habitus „agiere“ er die Vergangenheit „aus“, in einer dem Bewusstsein nicht oder allenfalls partiell zugänglichen Weise. In ähnlicher Weise charakterisiert der Begriff des Gewohnheitswissens von Alfred Schütz ein Wissen, das eingelebt oder eingeübt, dessen Erwerb jedoch vergessen wurde. Das bei Schütz entwickelte Konzept der Relevanzstruktur steht zudem für eine eingelebte, biographisch
aufgeprägte Lenkung der Aufmerksamkeit, die ebenfalls als nicht hinterfragtes Wissen behandelt werden muss. Auch die Konzepte des impliziten, inkorporierten Wissens verweisen auf Formen eines körpergebundenen, vorbewussten „Lernens“ und Erinnerns.


In den nach wie vor überwiegend am bewussten, mentalen Erinnern (und Vergessen) orientierten „Mainstream“ des kulturwissenschaftlichen und politischen Gedächtnis-Diskurses haben solche Überlegungen bisher nur begrenzt Eingang gefunden. Es bietet sich daher an zu fragen, ob und wie sich dieser Diskurs und die darin verhandelten Themen verändern würden, wenn die Rolle des Körpers und körpergebundener alltäglicher Praktiken, Verhaltensmuster und Wahrnehmungsschemata als „Gedächtnisstützen“ hierin stärkere Beachtung fände. Gleichzeitig werfen die vorliegenden Konzeptionen des inkorporiert-praktischen Gedächtnisses, Erinnerns und Vergessens aber auch eine Reihe ungeklärter theoretischer und empirischer Fragen auf. Thema und Ziel der Tagung ist es daher, unter verschiedenen Aspekten die theoretischen, analytischen und methodischen Potenziale und Grenzen praxistheoretischer, alltags- und körpersoziologischer Zugänge zu sozialem Erinnern und Vergessen auszuloten. Erwünscht sind Beiträge unter anderem zu folgenden Fragestellungen und

  •  Welche Theorieangebote zum körpergebundenen Gedächtnis hat die Soziologie aufzuweisen, worin bestehen deren jeweiligen Stärken und Schwächen, in welchem Verhältnis stehen sie zueinander? Wie lässt sich die Entstehung von inkorporierten Gedächtnissen soziologisch beschreiben und rekonstruieren, welche sozialen Wirkungen solcher Gedächtnisse lassen sich beobachten? Welche empirischen Phänomene sind in dieser Hinsicht besonders interessant und aufschlussreich? Lassen sich dabei Verbindungen zu neurowissenschaftlichen  Gedächtnisforschungen herstellen?
  •  Wie lässt sich das Verhältnis mentaler und körperlich-praktischer Erinnerungsprozesse soziologisch bestimmen? Beruhen Körpergedächtnisse notwendigerweise auf einem Vergessen der Umstände und Kontexte ihres Erwerbs und operieren sie in jedem Fall vor- oder unbewusst? Wie lassen sich die Praktiken des Lernens, Übens oder Einübens bzw. des Einstudierens oder Trainierens wissenssoziologisch fassen? Ist letztlich auch der Erwerb rein kognitiven Wissens im Hinblick auf dessen Erinnerbarkeit ein körperlich-praktischer  Vorgang? Können mentale und inkorporierte Gedächtnisformen möglicherweise in einer übergreifenden soziologischen Theorie des sozialen Gedächtnisses verknüpft werden? Oder ist es ohnehin nicht mehr als eine Metaphorik, im Fall inkorporierter Verhaltensmuster und Wahrnehmungsschemata von     „Gedächtnis“, „Erinnerung“ und „Vergessen“ zu sprechen?
  •  Inwiefern trifft die häufig mit Bourdieus Habitus-Konzept in Verbindung gebrachte These zu, dass     Körpergedächtnisse „stabiler“ sind als mentale Gedächtnisse und dass ihre „Inhalte“ daher dem               Verlernen und Vergessen gegenüber weit sperriger sind als bewusste Gedächtnisinhalte und                Erinnerungen? Oder bestehen doch mehr Möglichkeiten als vermutet, körperbasierte               Verhaltensdispositionen wieder zu verlernen? Kann es ein „befreiendes“ Vergessen                  herrschaftsförmig geprägter Dispositionen geben, und kann man evtl. sogar das Verlernen von                     Elementen des Körpergedächtnisses lernen?
  • Falls die These der größeren Stabilität von Körpergedächtnissen jedoch bis zu einem gewissen Grad zutrifft und beispielsweise Rassismus oder Sexismus nicht nur auf kognitiven „Wissens“-Beständen beruhen, sondern auch auf inkorporierten, vorbewussten Verhaltens- und Wahrnehmungsschemata, welche Konsequenzen hätte dies für den politischen Umgang mit autoritären, gewalttätigen gesellschaftlichen Vergangenheiten? Müsste der bisherige Fokus des Gedächtnis- und Gedenkdiskurses auf kognitiven Lernprozessen und bewusstem Erinnern an bestimmte historische Ereignisse dann nicht systematisch zu kurz greifen?

 

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