10.-12.12.2010 Formen und Funktionen sozialer Gedächtnisse - Sozial- und kulturwissenschaftliche Perspektiven in Erlangen

Die Problemstellung der Konferenz richtet sich auf die theoretische Durchdringung der sozial- und kulturwissenschaftlichen Untersuchungen zu sozialen Gedächtnissen. Vor dem Hintergrund einer großen Anzahl von empirischen Forschungen zu sozialer Erinnerung und Gedächtnissen seit den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in den Sozial- und Kulturwissenschaften, ist die geringe Dichte von übergreifenden theoretischen Überlegungen dazu ein erstaunlicher Befund. Hier möchte die Tagung ansetzen und mögliche Integrationspotentiale der unterschiedlichen theoretischen Ansätze und empirischen Untersuchungen ausloten.

In der Selbstbeschreibung der Moderne tritt an die Stelle einer Großerzählung zur Vergangenheit eine Vielzahl sozialer Gedächtnisse auf unterschiedlichen Ebenen, die nicht miteinander kompatibel sein müssen. Aktuelle Analysen zu sozialen Gedächtnissen sind jedoch entweder auf sich interaktionistisch konstituierende Gruppengedächtnisse gerichtet oder aber auf höherstufige Gedächtnisformen (Systeme, Diskurse, Organisationen, Nation etc.) ohne erstens die unterschiedlichen Ebenen genauer zu bestimmen und zweitens die Übergänge und Wechselwirkungen zwischen den jeweiligen Formen ausreichend zu klären. Eine Theorie sozialer Gedächtnisse steht deshalb vor dem Problem, gesellschaftliche Dynamik, kulturelle Pluralisierung und Differenzierungsprozesse zu integrieren, ohne Interaktionszusammenhänge wie Familien oder Milieus auszublenden. Die im Umlauf befindlichen Begriffe und Formbestimmungen von sozialen Gedächtnissen sollen dafür jedoch nicht einfach nebeneinander gestellt werden. Stattdessen möchten wir die diesen Begriffsbildungen zugrunde liegenden Formierungs- und Konstitutionsprozesse theoretisch und empirisch in den Blick nehmen, um damit Konfliktlinien, aber auch mögliche Integrationspotentiale auszuloten.

Die Tagung möchte theoretische Konzepte und empirische Forschungen zu sozialen Gedächtnissen in einem interdisziplinären Rahmen diskutieren sowie auf dieser Basis nach theoretischen Erweiterungen und Anschlussmöglichkeiten fragen. Von performativen Praxen, narrativen Interaktionssituationen, bis hin zu Diskursen sollen Konstruktionen und Repräsentationen von Vergangenheit betrachtet werden - in Verbindung mit Problemstellungen wie Vergessen, Authentizität, Faktizität und Geltung oder Traditionsbruch. Damit soll einerseits die Zukunftsgerichtetheit sozialer Gedächtnisse in Form von sich immer wieder neu konstituierenden Erwartungshorizonten deutlich werden. Andererseits gilt es, soziale Gedächtnisse in ihrer Funktion als Tradierungsmechanismen zu analysieren, hinsichtlich der spezifischen Selektivitäten, die sich an den Schnittstellen (zwischen Personen, Gruppen, Generationen, Diskursen etc.) ausbilden und das je spezifische Verhältnis von Erinnerung und Vergessen konstituieren. Entsprechend wichtig ist die Bestimmung der jeweiligen Funktionalität von Gedächtnissen für die Prozesse der sozialen und individuellen Sinnbildung, sei es in biographischer oder systemischer Hinsicht. Daran schließt wiederum die Reflexion institutionalisierten Erinnerns und des eigenen Sprechortes an: WissenschaftlerInnen sind an der Praxis des (institutionalisierten) Erinnerns direkt und indirekt beteiligt und stehen somit selbst vor der Herausforderung dessen Kontexte, Bedingungen, (politischen) Zwecke und die damit verbundenen Ideologien zu befragen.

Als Plenarvortragende sind eingeladen: Paul Connerton (Cambridge), Elena Esposito (Reggio Emilia), Mary Fulbrook (London), Christian Gudehus (Essen), Jeffrey Olick (Charlottesville), Gabriele Rosenthal (Göttingen), Joanna Tokarska-Bakir (Warschau), Daniel Levy (New York) Konferenzsprachen sind deutsch und englisch.

Es können u.a. Beiträge zu folgenden Themenbereichen eingereicht werden (auch weitere Vorschläge sind möglich):

  • Individuum -- Interaktion -- Gesellschaft: Grenzen und Übergänge zwischen den Gedächtnisformen
  • Metaphern, Begriffe und Formen sozialer Gedächtnisse und ihre Formierungsbedingungen
  • Einfluss gesellschaftlicher Differenzierung auf soziales Erinnern (Generationen, Klassen, kulturelle Pluralisierung, Gender etc.)
  • Transformation sozialer Gedächtnisse (Wechselwirkungen gesellschaftlicher Transformationsprozesse und sozialer Gedächtnisse)
  • Faktizität, Authentizität und Erfahrungsraum
  • Medien, Diskurse und ihre Funktionen für das Erinnern
  • Repräsentationen der Vergangenheit (Körpergedächtnis, Rituale, Gedächtnisorte etc.)
  • Soziale und individuelle Praxen der Erinnerung
  • Transgenerationelle Weitergabe und Tradierungsbrüche
  • Erinnern und Vergessen zwischen Institution, Macht und Ideologie
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