Tagungen

Wir wollen die soziologische Diskussion zum Thema "Gedächtnis" initiieren und weiterbringen. Dazu organisieren wir Panels, Workshops und thematisch fokussierte Tagungen.

CfP Musik – Kultur – Gedächtnis, Tagung am 8./9. März 2018 Freiburg

Eine gemeinsame Tagung des Zentrums für Populäre Kultur und Musik (ZPKM) der Universität Freiburg und des Arbeitskreises Gedächtnis-Erinnern-Vergessen der Sektion Wissenssoziologie in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie

Musik ist eine wichtige soziokulturelle Ausdrucksform quer durch alle Kulturen. Als „sinnhafter Zusammenhang ohne Bezug zu einem begrifflichen Schema“ (Alfred Schütz) ändert sich ihre Definition mit den jeweiligen kulturellen Kontexten. Der Vielfalt musikalischer Phänomene liegen jedoch einige Gemeinsamkeiten zugrunde: Zum einen hat Musik eine enge Verbindung zum Affektiv-Emotionalen und zum anderen sind Musik und Zeit auf mehrfache Weise verbunden: a) die jeweilige musikalische Darbietung oder Reproduktion ist ein zeitlicher Ablauf und als solcher gedächtnishaft organisiert, b) musikalische Aufführungen sind jeweils gegenwärtige präsentistische Formen, die auf die Differenz von Werk und Interpretation zurückgreifen und entsprechend auf gedächtnishafte Formen angewiesen sind, und c) jedes Musikstück steht in spezifischen (inter-/trans-)kulturellen Traditionen, die von ihm aktualisiert werden.

Musik, wie auch immer definiert, ist deshalb Element in vielen sozialen Gedächtnissen und bildet von jeher eine Schnittstelle zwischen kulturellen Äußerungsformen und sozialen Formationen. In ihrer Eigenschaft als ästhetische Praxis steht sie sinnbildlich für die ideellen Wertkomplexe, entlang derer Kollektive und Kulturen sich ihres Zusammenhalts vergewissern, oder wirkt selbst begründend für (sub-)kulturelle Gruppierungen. Eine tragende Rolle nehmen diesbezüglich Institutionen wie Schule, Massenmedien oder auch religiöse Organisationen ein. In ihrem Kontext werden einzelne Musikerzeugnisse, Musizierformen, musikalisches Wissen und Stile bewahrt und der Öffentlichkeit stets von neuem zugänglich gemacht, wodurch sie gleichsam lebendig gehalten werden. In den Selektionen und Auslegungen, die diesen Vorgang begleiten, wird nicht selten versucht, ein bestimmtes „Konzept“ von (musikalischer) Kultur durchzusetzen. Gleichwohl obliegt es in letzter Konsequenz den Adressaten kultureller Produktion, den Rezipienten, in einem komplexen und letztlich kontingenten Sanktionierungsprozess über die soziale Geltung von musikalischen Erzeugnissen und Praktiken zu befinden.

Musikalisches Erinnern kann nicht losgelöst von den medialen und materialen Grundlagen sinnlicher Wahrnehmung betrachtet werden, angefangen von den Instrumenten der Klangerzeugung bis hin zu den Formen der Aufzeichnung und Reproduktion. Das Materiale resp. Mediale verweist auf eine substantielle Qualität, die Menschen als etwas Widerständiges erfahren und die bestimmte Effekte zeitigt (z.B. Anhören statt Zuhören, Körperlichkeit der Performanz). Einen tiefgreifenden Umbruch in der musikkulturellen Gedächtnisproduktion bewirkten die elektronischen Massenmedien, die die Speicherung und Tradierung von Musik entlang identisch reproduzierbarer Klanggestalten ermöglichten. Musikalischer Klang konnte fortan als Ware (Tonträger) buchstäblich habhaft gemacht werden, nicht zuletzt kumulativ in Form des Plattensammelns. Die sozialen Medien wiederum befördern eine auf Körperpraktiken und expressivem Verhalten basierende Erinnerungspraxis. So erhält der musikinteressierte (Prod-)User etwa durch Videoportale wie Youtube die Möglichkeit, musikalische Werke in (potenziell) großer kommunikativer Reichweite neu zu interpretieren. Angesichts der Feedbackstruktur von sozialen Netzwerk-Applikationen (Klicks, Freunde/Abonnenten, Likes etc.) erscheint die These naheliegend, dass musikbezogenes Erinnern zunehmend einer Logik der Popularisierung folgt.

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen möchten das Zentrum für Populäre Kultur und Musik (ZPKM) und der Arbeitskreis Gedächtnis-Erinnern-Vergessen theoretische und empirische Beiträge aus dem angerissenen Themenkreis „Musik – Kultur – Gedächtnis“ versammeln. Dabei können insbesondere adressiert werden:

  • das Verhältnis von Musik, Zeit und Gedächtnis;

  • spezifische musikalische Kulturen in ihren Zeit- und Vergangenheitsbezügen;

  • mediale und materiale Grundlagen musikalischer Kulturen;

  • die Veränderungen der musikkulturellen Gedächtnisse durch die digitalen Medien;

  • die Herausbildung, Tradierung und Institutionalisierung von musikalischen Kunstformen in ihrer jeweiligen ästhetischen Praxis (etwa Oper, Ballett, Schlager, Popmusik);

  • kulturelle Abgrenzungen von Musik und ihre Legitimationen;

  • Musik als konstitutives Element von Kulturen bzw. Kollektiven;

  • Körpergedächtnisse und Emotionen in musikalischen Kulturen.

Beitragsvorschläge (ca. 3.000 Zeichen inkl. Leerzeichen) mit kurzen Angaben zur Person werden bis spätestens 30. November 2017 an die Tagungsorganisatoren erbeten:

Christofer Jost (Universität Freiburg): christofer [dot] jost [at] zpkm [dot] uni-freiburg [dot] de

Gerd Sebald (FAU Erlangen): Gerd [dot] Sebald [at] fau [dot] de

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"Vergangene Vertrautheit? Soziale Gedächtnisse des Ankommens, Aufnehmens und Abweisens", Konferenz in Augsburg am 09. und 10. März 2017

Jahrestagung des Arbeitskreises "Gedächtnis Erinnern Vergessen" in Augsburg am 09. und 10. März 2017

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Konferenz »(Digitale) Medien und soziale Gedächtnisse« am 17./18. März 2016 in Erlangen -- Programm

Medialität ist ein konstitutiver Aspekt für Weltzugänge. Das ist in Halbwachs’ Theorie des kollektiven Gedächtnisses ebenso wie in der Assmannschen Konzeption der kulturellen Gedächtnisse oder im systemtheoretischen Theorieentwurf ein Gemeinplatz. Gleichwohl bleiben genauere Bestimmungen des Verhältnisses von Medien zu sozialen Gedächtnissen entweder auf einer sehr allgemeinen Ebene in Bezug auf dieses Verhältnis oder sie sind sehr eng mit einem konkreten empirischen Phänomen verknüpft. Dass Medien zentral für soziale Gedächtnisse sind, ist unbestritten. Wie das in den sozial und medial hochdifferenzierten Gesellschaften der Gegenwart funktioniert, wurde bisher kaum untersucht. Das gilt insbesondere für zwei Aspekte der Medialität:


- »Social Media« und »Cloud Computing« in Verbindung mit mobilen Endgeräten liefern neue Rahmen für soziale Vergangenheitsbezüge. Wie sie sich mit der rasanten Verbreitung von digitalen Medien verändern, wie Erinnern und Vergessen unter den Bedingungen der (mobilen) Digitalisierung auf den unterschiedlichen Ebenen des Sozialen (Alltagswelt, Organisationen, Kollektive, differenzierte Ordnungsbereiche) von statten gehen, ist eine offene Frage.

- Theorien sozialer Gedächtnisse fokussieren vor allem auf textuell-schriftliche Formen des Medialen. Die Gedächtnisfunktion von Bildmedien, seien es Fotografien oder Filme, bleibt theoretisch und empirisch oft unbeachtet. Das gilt nicht zuletzt in Verbindung mit den Prozessen der Digitalisierung: So präsentieren Netzplattformen auch audiovisuelle Inhalte und digitale Produktionsprozesse verändern fiktionale ebenso wie dokumentarische Filme.


Der Arbeitskreis »Soziales Gedächtnis, Erinnern und Vergessen« der Sektion Wissenssoziologie lädt deshalb am 17. und 18. März 2016 zu seiner jährlichen Tagung an die Universität Erlangen ein. Die Tagung wird mit freundlicher (und finanzieller) Unterstützung der Sektion Wissenssoziologie, des Graduiertenkollegs 1718 "Präsenz und implizites Wissen", der Luise Prell-Stiftung und des Zentralinstituts "Anthropologie der Religion(en)" 

Ein Tagungsbericht findet sich auf H-Soz-Kult.

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CfP: Die DDR im sozialen Gedächtnis – theoretische und empirische Zugänge

CfP zur Tagung des Arbeitskreises „Soziales Gedächtnis, Erinnern und Vergessen“ in der Sektion Wissenssoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS)

am 12. und 13. März 2015 im Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB)

Deadline für Abstracts: 31. Juli 2014

Im Herbst 2014 jährt sich der Fall der Berliner Mauer zum fünfundzwanzigsten Mal. Zudem feiert das vereinigte Deutschland im nächsten Jahr sein 25-jähriges Jubiläum. Erinnern und Vergessen eines zentralen Ereignisses der jüngeren deutschen Geschichte rücken damit wieder in den Fokus der Öffentlichkeit. Der Arbeitskreis „Soziales Gedächtnis, Erinnern und Vergessen“ in der Sektion Wissenssoziologie der DGS nimmt dies zum Anlass, im Rahmen einer Tagung nach der Repräsentation der DDR im sozialen Gedächtnis zu fragen.

 

In den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten haben sich auf zahlreichen gesellschaftlichen Ebenen unterschiedliche Vergangenheitsdiskurse herausgebildet, die eine Vielfalt DDR-bezogener Gedächtnisse vermuten lassen. Die Tagung richtet daher den Blick auf die Konstitution sowie die Rekonstruktion dieser Gedächtnisformen und fragt danach, auf welche Weise, unter welchen Bedingungen und mit welchen Folgen diese aufeinander Bezug nehmen – oder nicht. So lassen sich (private) Erinnerungsgemeinschaften wie Familien, (sub-)politische Vereinigungen oder auch religiöse Gruppen, die in ihrer kommunikativen Praxis implizit oder explizit DDR-Narrative erzeugen, von jenen Gedächtnisformen unterscheiden, die in Form (öffentlich) organisierten Erinnerns auf die Vergangenheit rekurrieren mit dem Ziel, ein offizielles Geschichtsbild zu etablieren. Darüber hinaus spielen auch Massenmedien und (erinnerungs-)politische Diskurse in Bezug auf die DDRVergangenheit eine entscheidende Rolle. Doch nicht alles findet Eingang in die Auf-, Be- und Verarbeitung von Vergangenheit, sodass auch ein Blick auf das notwendig ist, was in Vergessenheit gerät und somit – bewusst oder unbewusst – aus dem sozialen Erinnerungsprozess ausgeklammert wird. Entsprechend gilt es ebenfalls zu fragen, welche Relevanzen hinter dem Vergessen bestimmter Aspekte der DDR-Vergangenheit stehen.


Gesucht werden sowohl Beiträge, die am Beispiel der DDR-Vergangenheit theoretische Einsichten zu Konstitutionsbedingungen und Funktionsweisen sozialer Gedächtnisse ermöglichen, als auch solche, die auf empirischen Forschungsergebnissen aufbauend konkrete Prozesse der Ausdifferenzierung von Erinnern und Vergessen in Bezug auf die DDR in den Blick nehmen. Erwünscht sind unter anderem Beiträge zu folgenden, keineswegs erschöpfenden Fragestellungen:

 

  • In welchem Verhältnis stehen die öffentliche (politische, mediale, kulturelle) Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheit und private oder gruppenspezifische Erinnerungsdiskurse? Inwiefern lassen sich Spannungen und konkurrierende Leiterzählungen sowie eine Ausbildung divergierender sozialer Gedächtnisse beobachten? Welche unterschiedlichen Modi des Erinnerns und Vergessens finden auf den jeweiligen Ebenen statt?
  • Wie gestaltet sich die DDR-Erinnerung in Bezug auf den wechselseitigen inter- und intragenerationalen Austauschprozess geschichtlichen Wissens? Wie erfolgt die Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen DDR-Generationen und Angehörigen nachfolgender Generationen? Können wir in Bezug auf die DDR-Vergangenheit bereits von einem „floating gap“ nach Assmann (1992) sprechen, der kulturelle Erinnerungspraktiken im Vergleich zum kommunikativen Gedächtnis als Generationengedächtnis zunehmend bedeutsamer werden lässt?
  • Welche Ereignisse und Erfahrungen der DDR-Vergangenheit werden erinnert, welche hingegen vergessen? Wann, warum und in welchen Kontexten findet das Vergessen DDRspezifischer Orientierungen und Deutungsmuster statt? Welche Funktion erfüllt das Vergessen der Vergangenheit für die Gegenwart? Was muss bewusst ausgegrenzt und verdrängt werden, um die jeweilige Leiterzählung nicht zu gefährden? Inwiefern findet durch Vergessen und Verdrängen oder aber durch eine idealisierende Verklärung und Überzeichnung „positiver“ Erinnerungen eine Mythenbildung statt, die zu einer Überhöhung und Glorifizierung der DDR als identitätsstiftendem Moment im gesellschaftlichen Umbruch führt?
  • Wie wird international auf die DDR geblickt und welche narrativen Rahmungen spielen dabei eine Rolle? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der international geführten Debatte um das DDR-Gedächtnis und entsprechenden  Vergangenheitsdiskursen im deutschsprachigen Raum lassen sich feststellen?
  • Lässt sich auch nach 25 Jahren Wiedervereinigung eine spezifische „Ost-Identität“ ausmachen, von der etwa Thomas Ahbe (2013)2 spricht? Kann diese ggf. auf DDR-spezifisches habituelles Wissen und routinierte Alltagspraktiken zurückgeführt werden? Oder spiegelt sie vielmehr eine Reaktion auf den abrupt erfolgten gesellschaftlichen Wandlungsprozess nach 1989 wider? Welche gemeinschaftsbildenden Narrative leben – etwa in Form von ‚Ostalgie‘ – darin weiter, welche müssen hingegen verdrängt und vergessen werden, um eine gemeinsame Identität ausbilden zu können?
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13./14.3.2014 Tagung "Organisation und Gedächtnis" in Hamburg

Am 13. und 14. März fand die Tagung "Organisation und Gedächtnis" des Arbeitskreises „Soziales Gedächtnis, Erinnern und Vergessen“ in der Sektion Wissenssoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS)  an der Führungsakademie der Bundeswehr, Hamburg statt.

In der kultur- wie sozialwissenschaftlichen Gedächtnisforschung besteht Einigkeit darüber, dass Phänomene von Erinnern und Vergessen auf unterschiedlichen Aggregatebenen des Sozialen stattfinden und beobachtet werden können. Während das bzw. die Gedächtnisse politischer Kollektive (z.B. Nationalstaaten) oder sozialer Gruppen
wie der Familie inzwischen vergleichsweise gut untersucht sind, liegen zu Prozessen von Erinnern und Vergessen in organisationalen Kontexten bislang nur vereinzelt Erkenntnisse vor. Der Arbeitskreis „Soziales Gedächtnis, Erinnern und Vergessen“ nimmt dies zum Anlass, um im Rahmen einer Tagung zu „Organisation und Gedächtnis“ die beiden durch ‚Gedächtnis‘ und ‚Organisation‘ bezeichneten Forschungsperspektiven miteinander zu verknüpfen. Ziel dabei ist es, sowohl die Erkenntnisse über Formen und Funktionsweisen sozialer Gedächtnisse durch die spezifische Berücksichtigung von Organisationen als ‚Ort‘ von Gedächtnis bzw. als Feld für Vorgänge von Erinnern und
Vergessen zu erweitern, als auch umgekehrt bestehende organisationssoziologische Ansätze um Fragestellungen, wie sie mit den Konzepten Gedächtnis, Erinnern und Vergessen einhergehen, zu ergänzen und/oder zu präzisieren. Gesucht werden sowohl Beiträge, welche die Schnittstellen von Gedächtnis- und Organisationstheorien behandeln, als auch solche, die, auf empirische Forschungsergebnisse gestützt, das Gedächtnis bestimmter Organisationen
(Wirtschaftsunternehmen, staatliche Verwaltungsbehörden, Kirchen, Universitäten, Armeen, Parteiverbände etc.) in den Blick nehmen und dabei mindestens eine der folgenden Fragen adressieren:

  • Welche Rolle spielen Organisationen als Orte bzw. Träger von Gedächtnis in bestehenden Gedächtnistheorien? Welche spezifischen Einsichten für eine Theorie sozialer Gedächtnisse ergeben sich aus einer Berücksichtigung organisationaler Praktiken von Erinnern und Vergessen?
  • Inwieweit werden im Rahmen organisationssoziologischer Ansätze Fragen von Gedächtnis, Erinnern und Vergessen und somit Aspekte der Temporalität organisationaler Wissensbestände bzw. Praktiken behandelt? Welche zentralen Einsichten für die theoretische Beschreibung von Organisationen und organisationaler Praktiken sind damit verbunden?
  • Wo bzw. wie finden Erinnern und Vergessen in Organisationen konkret statt? In welchem Verhältnis stehen unterschiedliche Hierarchiestufen und Ebenen (individuelle Ebene, organisationale Ebene, Organisationsleitung) im Prozess des Erinnerns und Vergessens zueinander? Unter welchen Bedingungen kann davon ausgegangen werden, dass etwas – von den Organisationsmitgliedern und/oder der Organisation als solcher – erinnert oder vergessen wird?
  • In welchem Verhältnis steht das, was Organisationen nach außen als ihre Vergangenheit beschreiben, zu dem, was organisationsintern als ‚Vergangenheit‘ die Alltagspraxis bestimmt? Welche Einflüsse bzw. Wechselwirkungen in Bezug auf die Organisationsumwelt lassen sich dabei konstatieren?
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7./8.3.2013 „Der Körper als Gedächtnis?“ in München

Der Körper als Gedächtnis? Potenziale und Grenzen praxistheoretischer, alltags- und
körpersoziologischer Zugänge zu sozialem Erinnern und Vergessen


Nicht nur im alltäglichen Verständnis, sondern auch in weiten Teilen des sozialwissenschaftlichen und politischen Diskurses gelten Gedächtnis, Erinnern und Vergessen primär als Bewusstseinsvorgänge und mentale Prozesse, nämlich als Aufbewahrung, Wiedererlangung oder Verlust sprachlich oder bildhaft vorliegender Bewusstseinsinhalte und Wissensbestände. Diese Sichtweise wurde durch die französische Theorietradition um den Begriff des kollektiven Gedächtnisses (Maurice Halbwachs) ebenso erweitert wie durch die jüngere Konzeption eines kulturellen Gedächtnisses (Jan und Aleida Assmann). Gleichwohl ist vor allem in den letzten Jahren auch in der Soziologie – nicht zuletzt im Anschluss an die Lebensphilosophie Henri Bergsons auf der einen und die Phänomenologie Maurice Merleau-Pontys auf der anderen Seite – zunehmend erkannt worden, dass Gedächtnis, Erinnerung und Vergessen auch eine körperliche Seite haben oder sogar körperbasierte, körperliche Vorgänge sind. Damit ist nicht nur gemeint, dass auch mentale Prozesse an einen Körper gebunden sind (vgl. Jörg Michael Kastl), sondern dass sich gesellschaftliche und gesellschaftlich geprägte individuelle Vergangenheiten gleichsam „direkt“ in den Körper einschreiben oder sogar gezielt in ihn eingeschrieben werden (vgl. Alois Hahn).


Die Soziologie bietet hierfür eine Reihe von Theorieperspektiven an. Zu den prominentesten gehört sicherlich Pierre Bourdieus Konzept des Habitus, worin der Körper, so Bourdieu, als „Gedächtnisstütze“ für frühere (klassen- und/oder geschlechtsspezifische) soziale Prägungen fungiert. Der Körper rufe sich aber die Vergangenheit nicht als Wissensinhalt ins Gedächtnis, sondern im Habitus „agiere“ er die Vergangenheit „aus“, in einer dem Bewusstsein nicht oder allenfalls partiell zugänglichen Weise. In ähnlicher Weise charakterisiert der Begriff des Gewohnheitswissens von Alfred Schütz ein Wissen, das eingelebt oder eingeübt, dessen Erwerb jedoch vergessen wurde. Das bei Schütz entwickelte Konzept der Relevanzstruktur steht zudem für eine eingelebte, biographisch
aufgeprägte Lenkung der Aufmerksamkeit, die ebenfalls als nicht hinterfragtes Wissen behandelt werden muss. Auch die Konzepte des impliziten, inkorporierten Wissens verweisen auf Formen eines körpergebundenen, vorbewussten „Lernens“ und Erinnerns.


In den nach wie vor überwiegend am bewussten, mentalen Erinnern (und Vergessen) orientierten „Mainstream“ des kulturwissenschaftlichen und politischen Gedächtnis-Diskurses haben solche Überlegungen bisher nur begrenzt Eingang gefunden. Es bietet sich daher an zu fragen, ob und wie sich dieser Diskurs und die darin verhandelten Themen verändern würden, wenn die Rolle des Körpers und körpergebundener alltäglicher Praktiken, Verhaltensmuster und Wahrnehmungsschemata als „Gedächtnisstützen“ hierin stärkere Beachtung fände. Gleichzeitig werfen die vorliegenden Konzeptionen des inkorporiert-praktischen Gedächtnisses, Erinnerns und Vergessens aber auch eine Reihe ungeklärter theoretischer und empirischer Fragen auf. Thema und Ziel der Tagung ist es daher, unter verschiedenen Aspekten die theoretischen, analytischen und methodischen Potenziale und Grenzen praxistheoretischer, alltags- und körpersoziologischer Zugänge zu sozialem Erinnern und Vergessen auszuloten. Erwünscht sind Beiträge unter anderem zu folgenden Fragestellungen und

  •  Welche Theorieangebote zum körpergebundenen Gedächtnis hat die Soziologie aufzuweisen, worin bestehen deren jeweiligen Stärken und Schwächen, in welchem Verhältnis stehen sie zueinander? Wie lässt sich die Entstehung von inkorporierten Gedächtnissen soziologisch beschreiben und rekonstruieren, welche sozialen Wirkungen solcher Gedächtnisse lassen sich beobachten? Welche empirischen Phänomene sind in dieser Hinsicht besonders interessant und aufschlussreich? Lassen sich dabei Verbindungen zu neurowissenschaftlichen  Gedächtnisforschungen herstellen?
  •  Wie lässt sich das Verhältnis mentaler und körperlich-praktischer Erinnerungsprozesse soziologisch bestimmen? Beruhen Körpergedächtnisse notwendigerweise auf einem Vergessen der Umstände und Kontexte ihres Erwerbs und operieren sie in jedem Fall vor- oder unbewusst? Wie lassen sich die Praktiken des Lernens, Übens oder Einübens bzw. des Einstudierens oder Trainierens wissenssoziologisch fassen? Ist letztlich auch der Erwerb rein kognitiven Wissens im Hinblick auf dessen Erinnerbarkeit ein körperlich-praktischer  Vorgang? Können mentale und inkorporierte Gedächtnisformen möglicherweise in einer übergreifenden soziologischen Theorie des sozialen Gedächtnisses verknüpft werden? Oder ist es ohnehin nicht mehr als eine Metaphorik, im Fall inkorporierter Verhaltensmuster und Wahrnehmungsschemata von     „Gedächtnis“, „Erinnerung“ und „Vergessen“ zu sprechen?
  •  Inwiefern trifft die häufig mit Bourdieus Habitus-Konzept in Verbindung gebrachte These zu, dass     Körpergedächtnisse „stabiler“ sind als mentale Gedächtnisse und dass ihre „Inhalte“ daher dem               Verlernen und Vergessen gegenüber weit sperriger sind als bewusste Gedächtnisinhalte und                Erinnerungen? Oder bestehen doch mehr Möglichkeiten als vermutet, körperbasierte               Verhaltensdispositionen wieder zu verlernen? Kann es ein „befreiendes“ Vergessen                  herrschaftsförmig geprägter Dispositionen geben, und kann man evtl. sogar das Verlernen von                     Elementen des Körpergedächtnisses lernen?
  • Falls die These der größeren Stabilität von Körpergedächtnissen jedoch bis zu einem gewissen Grad zutrifft und beispielsweise Rassismus oder Sexismus nicht nur auf kognitiven „Wissens“-Beständen beruhen, sondern auch auf inkorporierten, vorbewussten Verhaltens- und Wahrnehmungsschemata, welche Konsequenzen hätte dies für den politischen Umgang mit autoritären, gewalttätigen gesellschaftlichen Vergangenheiten? Müsste der bisherige Fokus des Gedächtnis- und Gedenkdiskurses auf kognitiven Lernprozessen und bewusstem Erinnern an bestimmte historische Ereignisse dann nicht systematisch zu kurz greifen?

 

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22./23.3.2012 Gedächtnis, Erinnern und Vergessen im Kontext soziologischer Theorien in Augsburg

Nachdem vor über 25 Jahren Fragen nach kulturellen Phänomenen des Gedächtnisses, des Erinnerns und des Vergessens vor allem durch Vertreter(innen) der Kulturwissenschaften wiederentdeckt worden sind, zeichnet sich seit wenigen Jahren auch in der Soziologie ein über vereinzelte Vorstöße hinaus gehendes Interesse an diesen
Problemen ab. Dabei scheint sich der Umgang mit dem Thema auch hier in zwei Richtungen weiterzuentwickeln: Auf der einen Seite finden sich zunehmend theoriesystematische Beiträge, die entweder eine soziologische Theorie des
wollen Gedächtnisses, Erinnerns und/oder Vergessens (weiter-)entwickeln beziehungsweise den Versuch unternehmen, die mit den Begriffen verbundenen Probleme in bestehende Theorien zu integrieren. Auf der anderen Seite gibt es im Rahmen der Disziplin eine Reihe von empirisch ausgerichteten Forschungsprojekten, die – meist an Schnittstellen zu Geschichtswissenschaft/Oral History, Volkskunde, Kulturwissenschaft, Organisationsforschung oder Politikwissenschaften – ihre Analysen bereits unter Verwendung der Gedächtnisterminologie anstellen. Auf soziologischen Tagungen und Kongressen der vergangenen Jahre gab es immer wieder die Gelegenheit des Austauschs über die Gedächtnisthematik. Nicht zuletzt aufgrund dieser kleinen ‚Konjunktur‘, scheint es nun an der Zeit zu sein,

a) an der Überprüfung des Stellenwerts von Gedächtnis, Erinnern und Vergessen im Vergleich mit anderen soziologischen Theorie- und Begriffsangeboten (bspw. Wissensvorrat, Institution, Kultur, Diskurs, Habitus) hinsichtlich möglicher Konvergenzen und Divergenzen weiterzuarbeiten,
b) das begriffliche Instrumentarium dieses Deutungszusammenhangs schärfer zu akzentuieren, damit
c) den vielfältigen empirischen Analysen ein soziologisch profilierteres elaboriertes Begriffssystem zur Verfügung zu stellen und schließlich
d) eine Systematisierung empirischer Untersuchungsperspektive vorzunehmen. Forschungsfelder im Kontext dieser
Untersuchungsperspektive vorzunehmen.

Adressiert wird gemäß den genannten Punkten ein Forschungsinteresse, das die gezielte Arbeit an einer begrifflichen und theoretischen Schärfung der um soziologische Fragen von Gedächtnis, Erinnern und Vergessen gelagerten Konzepte fokussiert. Eine Hauptaufgabe könnte somit darin bestehen, das soziale Gedächtnis/Erinnern/Vergessen hinsichtlich seiner kognitiv-reflektierenden, seiner inkorporiert-praktischen und/oder seiner technisch-objektivierten Ausprägungen zu untersuchen und terminologisch konsistent auszuarbeiten.



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10.-12.12.2010 Formen und Funktionen sozialer Gedächtnisse - Sozial- und kulturwissenschaftliche Perspektiven in Erlangen

Die Problemstellung der Konferenz richtet sich auf die theoretische Durchdringung der sozial- und kulturwissenschaftlichen Untersuchungen zu sozialen Gedächtnissen. Vor dem Hintergrund einer großen Anzahl von empirischen Forschungen zu sozialer Erinnerung und Gedächtnissen seit den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in den Sozial- und Kulturwissenschaften, ist die geringe Dichte von übergreifenden theoretischen Überlegungen dazu ein erstaunlicher Befund. Hier möchte die Tagung ansetzen und mögliche Integrationspotentiale der unterschiedlichen theoretischen Ansätze und empirischen Untersuchungen ausloten.

In der Selbstbeschreibung der Moderne tritt an die Stelle einer Großerzählung zur Vergangenheit eine Vielzahl sozialer Gedächtnisse auf unterschiedlichen Ebenen, die nicht miteinander kompatibel sein müssen. Aktuelle Analysen zu sozialen Gedächtnissen sind jedoch entweder auf sich interaktionistisch konstituierende Gruppengedächtnisse gerichtet oder aber auf höherstufige Gedächtnisformen (Systeme, Diskurse, Organisationen, Nation etc.) ohne erstens die unterschiedlichen Ebenen genauer zu bestimmen und zweitens die Übergänge und Wechselwirkungen zwischen den jeweiligen Formen ausreichend zu klären. Eine Theorie sozialer Gedächtnisse steht deshalb vor dem Problem, gesellschaftliche Dynamik, kulturelle Pluralisierung und Differenzierungsprozesse zu integrieren, ohne Interaktionszusammenhänge wie Familien oder Milieus auszublenden. Die im Umlauf befindlichen Begriffe und Formbestimmungen von sozialen Gedächtnissen sollen dafür jedoch nicht einfach nebeneinander gestellt werden. Stattdessen möchten wir die diesen Begriffsbildungen zugrunde liegenden Formierungs- und Konstitutionsprozesse theoretisch und empirisch in den Blick nehmen, um damit Konfliktlinien, aber auch mögliche Integrationspotentiale auszuloten.

Die Tagung möchte theoretische Konzepte und empirische Forschungen zu sozialen Gedächtnissen in einem interdisziplinären Rahmen diskutieren sowie auf dieser Basis nach theoretischen Erweiterungen und Anschlussmöglichkeiten fragen. Von performativen Praxen, narrativen Interaktionssituationen, bis hin zu Diskursen sollen Konstruktionen und Repräsentationen von Vergangenheit betrachtet werden - in Verbindung mit Problemstellungen wie Vergessen, Authentizität, Faktizität und Geltung oder Traditionsbruch. Damit soll einerseits die Zukunftsgerichtetheit sozialer Gedächtnisse in Form von sich immer wieder neu konstituierenden Erwartungshorizonten deutlich werden. Andererseits gilt es, soziale Gedächtnisse in ihrer Funktion als Tradierungsmechanismen zu analysieren, hinsichtlich der spezifischen Selektivitäten, die sich an den Schnittstellen (zwischen Personen, Gruppen, Generationen, Diskursen etc.) ausbilden und das je spezifische Verhältnis von Erinnerung und Vergessen konstituieren. Entsprechend wichtig ist die Bestimmung der jeweiligen Funktionalität von Gedächtnissen für die Prozesse der sozialen und individuellen Sinnbildung, sei es in biographischer oder systemischer Hinsicht. Daran schließt wiederum die Reflexion institutionalisierten Erinnerns und des eigenen Sprechortes an: WissenschaftlerInnen sind an der Praxis des (institutionalisierten) Erinnerns direkt und indirekt beteiligt und stehen somit selbst vor der Herausforderung dessen Kontexte, Bedingungen, (politischen) Zwecke und die damit verbundenen Ideologien zu befragen.

Als Plenarvortragende sind eingeladen: Paul Connerton (Cambridge), Elena Esposito (Reggio Emilia), Mary Fulbrook (London), Christian Gudehus (Essen), Jeffrey Olick (Charlottesville), Gabriele Rosenthal (Göttingen), Joanna Tokarska-Bakir (Warschau), Daniel Levy (New York) Konferenzsprachen sind deutsch und englisch.

Es können u.a. Beiträge zu folgenden Themenbereichen eingereicht werden (auch weitere Vorschläge sind möglich):

  • Individuum -- Interaktion -- Gesellschaft: Grenzen und Übergänge zwischen den Gedächtnisformen
  • Metaphern, Begriffe und Formen sozialer Gedächtnisse und ihre Formierungsbedingungen
  • Einfluss gesellschaftlicher Differenzierung auf soziales Erinnern (Generationen, Klassen, kulturelle Pluralisierung, Gender etc.)
  • Transformation sozialer Gedächtnisse (Wechselwirkungen gesellschaftlicher Transformationsprozesse und sozialer Gedächtnisse)
  • Faktizität, Authentizität und Erfahrungsraum
  • Medien, Diskurse und ihre Funktionen für das Erinnern
  • Repräsentationen der Vergangenheit (Körpergedächtnis, Rituale, Gedächtnisorte etc.)
  • Soziale und individuelle Praxen der Erinnerung
  • Transgenerationelle Weitergabe und Tradierungsbrüche
  • Erinnern und Vergessen zwischen Institution, Macht und Ideologie
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