Arbeitskreis Gedächtnis-Erinnern-Vergessen

Webpräsenz der Arbeitskreises "GEV" der Sektion Wissenssoziologie

Seit den 1980er Jahren hat das Nachdenken über Gedächtnis, Erinnerung und Vergessen Konjunktur.
Die Soziologie hat, auch wenn ein Hauptreferenzpunkt dieses interdisziplinären Gedächtnisdiskurses die Theorie des kollektiven Gedächtnisses von Maurice Halbwachs ist, die Thematisierung solcher Fragen – zumindest mit Blick auf eine eigenständige soziologische Gedächtniskonzeption – weitgehend vernachlässigt.

Vor dem Hintergrund der anwachsenden Menge von Publikationen, die sich unter den Begriffen Gedächtnis, Erinnern und Vergessen mit Fragen der Einlagerung (Archivisierung, Kanonisierung) und Perpetuierung sozialen Wissens beschäftigen, erscheint es uns geboten, einen soziologischen Standpunkt zu definieren, um genuin soziologische Beiträge zu diesem Diskurs beisteuern zu können.

Für die Wissenssoziologie ist die Bearbeitung der Begriffstrias von Gedächtnis, Erinnern und Vergessen insofern ein zentrales Thema, als es stets und ausschließlich um den sozialen Umgang mit Wissen ‚in der Zeit‘ geht. Da es der Wissenssoziologie vornehmlich um die Aufdeckung unhinterfragter Wissensbestände zu tun ist, kann sie sich auch mit den Strukturen der Aufbewahrung ebenso wie der Aktualisierung sowie des Verfalls dieser Wissensbestände befassen. In Teilaspekten wird diese Problematik von bereits vorliegenden Konzepten, wie etwa dem des Wissensvorrats, abgedeckt. Offen ist jedoch, ob Begriffe wie dieser die in der Alltagssprache ebenso wie in anderen Disziplinen etablierte Gedächtnistrias ersetzen und den Transfer soziologischen Wissens in diesem Bereich besser befördern können.

Hinzu kommt, dass die bisher vorliegenden Ansätze, in denen die Problematik kollektiver oder sozialer Gedächtnisse sowie des sozial begründeten Erinnerns thematisch wird, auf Autoren zurückgehen, die heute der Wissenssoziologie zugerechnet werden. Explizit wird das Thema behandelt in den Arbeiten von Maurice Halbwachs ebenso wie in den an Bergson anschließenden protosoziologischen Überlegungen von Alfred Schütz und in der Theorie sozialer Systeme von Niklas Luhmann.

Ziele des Arbeitskreises

Ein Arbeitskreis ‚Soziales Gedächtnis, Erinnern und Vergessen‘ im Rahmen der Sektion Wissenssoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie kann Ziele auf unterschiedlichen Ebenen soziologischen Nachdenkens verfolgen. So sind die zu bearbeitenden Probleme nicht nur im Hinblick auf die Arbeitsgebiete Sozialtheorie,
Gesellschaftstheorie und Gegenwartsdiagnosen/Sozialer Wandel zu unterscheiden. Da viele Fragestellungen des interdisziplinären bzw. des kulturwissenschaftlichen Gedächtnisdiskurses bereits in vielen Segmenten der Spezialsoziologien angekommen sind, scheint es an der Zeit zu sein, eine Bestandsaufnahme der vielfältigen Bezüge vorzunehmen. Letztlich kann und muss damit einer ‚Entsoziologisierung‘ soziologischer Beiträge entgegengewirkt und einer Profilierung soziologischen Denkens im Diskurs Vorschub geleistet werden. Dies kann auf unterschiedliche Weise vonstattengehen.

  1.  Auf der Ebene Allgemeiner Soziologie bzw. Soziologischer Theorie bedarf es der Klärung, welcher Stellenwert den Begriffen Gedächtnis, Erinnern/Erinnerung und Vergessen beizumessen ist. Damit verbunden ist die im Rahmen von Theorievergleichen durchzuführende Diskussion, welchen theoretischen Mehrwert die (Re-)Integration dieser Begriffe in das soziologische Begriffsuniversum haben könnte. Hierzu sind die vielen mehr oder weniger ‚passenden‘ Äquivalente durchzugehen – soziologisch aufschlussreich könnte vor allem die Suche nach Äquivalenten des Vergessensbegriffs sein. Am Ende einer solchen Überprüfung steht eine Klärung der Funktion soziologischer Konzepte mit Blick auf die Aufbewahrung und Weitergabe von Wissen – selbst dann, wenn die Gedächtnistrias für die soziologische Theorie verworfen werden sollte.
  2. Da bereits eine Vielzahl soziologischer Arbeiten vorliegt, die sich mit Gedächtnis, Erinnern und Vergessen beschäftigen, ist das bislang wenig bearbeitete Verhältnis der Begriffe zueinander einer Prüfung zu unterziehen, um durch eine Bestandsaufnahme der sich etablierenden Lesarten zu einer definitorischen Bestimmung vor dem Hintergrund soziologischer Forschungspraxis zu gelangen.
  3. Mit Blick auf den unhintergehbar soziologisch-sozialwissenschaftlichen Gehalt bzw. die sozialen Bezüge der Gedächtnistrias sind ferner die Schnitt- und Anschlussstellen sozialer Fragestellungen mit/zu den Domänen der Nachbardisziplinen zu klären. Dies erscheint nicht nur aus Gründen soziologischer Profilierung und Professionalisierung geboten, sondern bewahrt auch davor, in terminologischer Ignoranz zu verharren und dann ständig die – weiterhin verweigerte Gedächtnismetapher – in soziologische Äquivalente übersetzen zu müssen. Denn auch wenn sich die Begriffe ‚Gedächtnis‘, ‚Erinnern‘ und ‚Vergessen‘ nicht als fruchtbar erweisen sollten, bedarf es doch der Entwicklung einer Transformationsregel beispielsweise für bislang metaphorisch verwendete Begriffe wie déjà vu, flashback, Trauma, Verdrängung etc., um den Anschluss an Nachbardiskurse nicht zu verpassen.
  4. Mit Blick auf empirische Forschung in der Soziologie kann der Frage nachgegangen werden, welche Methoden in der soziologischen Erforschung des Gedächtnisproblems sowie des Erinnerns und Vergessens angemessene Zugänge versprechen.
  5. Setzt man indes die Verwendbarkeit der Gedächtnistrias für die soziologische Forschung voraus, ist auf der Grundlage der praktischen Arbeit, eine nach soziologischer Kern- und Nachbardisziplinen sowie nach Themengebieten differenzierte Bibliographie bzw. Leseliste zu erstellen.
  6. Schließlich ist es Ziel des Arbeitskreises, die soziologische Diskussion zum Thema zu initiieren. Dies findet statt durch die Präsenz auf Veranstaltungen sowie die Organisationen von Panels, Workshops und thematisch fokussierten Tagungen.

 

Veröffentlichungen (auch: Buchreihe "Soziales Gedächtnis, Erinnern und Vergessen - Memory Studies")

Die seit dem Frühjahr 2013 bei Springer/VS erscheinende Buchreihe Soziales Gedächtnis, Erinnern und Vergessen - Memory Studies soll 'Ort' und 'Forum' für die weitere soziologische Diskussion sein. Vorgesehen ist die Veröffentlichung von thematisch einschlägigen Sammel- und Tagungsbänden, herausragenden Qualifikationsarbeiten und Monografien, von Lehr- und Handbüchern sowie forschungsbezogenen Herausgeberbänden.

Neben der mit dem Arbeitskreis assoziierten Buchreihe listen wir hier Veröffentlichungen aus dem Diskussionszusammenhang des Arbeitskreises Soziales Gedächtnis, Erinnern und Vergessen.

Organisation und Gedächtnis: Über die Vergangenheit der Organisation und die Organisation der Vergangenheit

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Wie gehen Organisationen mit ihrer Vergangenheit um und was geschieht, wenn sie sich der Vergangenheit anderer annehmen? Der vorliegende Band versammelt Beiträge von Sozial-, Geschichts- und Wirtschaftswissenschaftler(inne)n, die diese Frage aus unterschiedlichen Perspektiven und für unterschiedliche Organisationstypen beleuchten. Zwei grundverschiedene Momente sozialer Gedächtnisse werden dabei adressiert: Zum einen muss davon ausgegangen werden, dass Organisationen ihre Strukturen pfadabhängig ausbilden und ihre Aktivitäten nur aus ihrer Vergangenheit heraus analysiert werden können. Diese Vergangenheit offenbart sich im Rückblick zum anderen aber nur selektiv und interpretativ – sie wird unter den Umständen gegenwärtiger Situationen immer neu konstruiert. Soziale Gedächtnisse der Organisation geben somit Orientierung für Prozesse des Organisierens. Zugleich kann es Gegenstand organisationalen Handelns sein, eine solche Orientierung für andere bereitzustellen.

Nina Leonhard, Oliver Dimbath, Hanna Haag, Gerd Sebald (2016): Organisation und Gedächtnis: Über die Vergangenheit der Organisation und die Organisation der Vergangenheit. Wiesbaden: Springer VS.

 

Der Körper als soziales Gedächtnis

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Dass Gedächtnis, Erinnern und Vergessen eine körperliche Seite haben oder sogar körperliche Vorgänge sind, ist eine Einsicht, die auch von der Soziologie geteilt wird. Gesellschaftliche und gesellschaftlich geprägte individuelle Erlebnisse hinterlassen ihre Spuren im Körper, Spuren, die an Vergangenes erinnern und Verhalten wie Handeln in Gegenwart und im Hinblick auf die Zukunft zu orientieren vermögen. Die in diesem Band enthaltenen Beiträge nehmen sich der Frage nach dem Körpergedächtnis jenseits der Vorstellung eines Körper-Geist-Dualismus an. Dabei werden sowohl sozialtheoretische Fragen des Zusammenhangs von Körper und Gedächtnis als auch unterschiedliche Facetten des Körpergedächtnisses in konkreten praktischen Zusammenhängen behandelt. Der Band geht auf die Tagung des Arbeitskreises Gedächtnis-Erinnern-Vergessen im Frühjahr 2013 zurück.

Michael Heinlein, Oliver Dimbath, Larissa Schindler, Peter Wehling (Hg.) Der Körper als soziales Gedächtnis. Wiesbaden: Springer VS

Kommunikative Erinnerung in Deutschland und Polen. Täter- und Opferbilder in Gesprächen über den Zweiten Weltkrieg

Titelseite Breuer 2015Die Studie vergleicht erstmals die Ebene der kommunikativen Erinnerungen an die NS-Zeit in Deutschland und Polen. Neben einer Darstellung der öffentlichen Erinnerungen an Nationalsozialismus, Zweiten Weltkrieg, Judenverfolgung und Zwangsmigration werden auf der Basis von Gruppendiskussionen die Vergangenheitsbilder der Befragten in beiden Ländern rekonstruiert. Im Mittelpunkt stehen dabei die vielfältigen Zuschreibungen von Täter- und Opferrollen, in denen sich Deutungen der Vergangenheit mit Vorstellungen kollektiver Identität verbinden. In diesen Zuschreibungen wird nicht nur das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Erinnerungen diskutiert, sondern auf einer symbolischen Ebene auch das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen verhandelt. Dabei zeigt sich, dass die deutsch-polnischen Beziehungen von einer grundlegenden Asymmetrie geprägt sind, es aber auch gemeinsame Merkmale in der Erinnerung gibt, allen voran die Fokussierung auf die Opfer.

Kommunikative Erinnerung in Deutschland und Polen. Täter- und Opferbilder in Gesprächen über den Zweiten Weltkrieg

Reihe: Soziales Gedächtnis, Erinnern und Vergessen – Memory Studies

Breuer, Lars

Wiesbaden, Springer VS 2015, 324 S.

Die Sozialität des Erinnerns

Das Problem des Gedächtnisses, Erinnerns und Vergessens ist ein nicht eigens benannter Bestandteil vieler soziologischer Theorien. Erst seit wenigen Jahren beginnen Soziologinnen und Soziologen damit, Fragen der gesellschaftlichen Bewahrung, Routinisierung oder Tradierung des Wissens und damit des Strukturerhalts auch unter Verwendung dieser Begriffe nachzugehen. Da soziologisch relevante Theoriebausteine vorliegen, die Deutungen und Erklärungen im Bereich solcher Probleme enthalten, wird es notwendig, diese Theorieangebote zu sichten und explizite wie implizite Momente des sozialen Gedächtnisses, Erinnerns und Vergessens herauszuarbeiten.

Ziel des Buches ist es zum einen Theorien aus der Soziologie und ihrer Nachbardisziplinen mit einem Blick für Motive des sozialen Gedächtnisses, Erinnerns und Vergessens durchzugehen. Zum anderen berichtet es aus Forschungsprojekten, die sich aus (wissens-)soziologischer Sicht für Fragen der handlungsorientierenden Bezugnahme auf Vergangenheit interessieren.

  •  Erschließung soziologischer Theoriepositionen
  • Theorieimporte und Anschlussstellen aus Nachbardisziplinen
  • Anwendungsgebiete von Theorien des sozialen Gedächtnisses, Erinnerns und Vergessens
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Intergenerationelle Erinnerung in der Schweiz: Zweiter Weltkrieg, Holocaust und Nationalsozialismus im Gespräch

Titelseite Burgermeister/Peter 2013Mitte der 1990er Jahre geriet die Schweiz vergangenheitspolitisch ins Kreuzfeuer internationaler Kritik. Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Universalisierung der Erinnerung an den Holocaust sah sich die Schweiz mit Fragen zu ihrer Rolle während des Zweiten Weltkrieges konfrontiert. Das jahrzehntelang gepflegte Geschichtsbild vom neutralen und humanitären Sonderfall wurde dabei grundlegend erschüttert. Eine Folge der Kontroversen um „Nachrichtenlose Vermögen“, „Nazigold“ und schweizerische Flüchtlingspolitik war die staatliche Einsetzung einer Unabhängigen Expertenkommission (UEK), die die Rolle der Schweiz während des Zweiten Weltkrieges historisch und juristisch aufarbeitete. Welche Auswirkungen diese vergangenheitspolitischen Debatten und die offiziellen Aufarbeitungsbemühungen auf das Geschichtsbild breiter Bevölkerungskreise hatten, blieb bislang unerforscht. Anhand von intergenerationell zusammengesetzten Gruppendiskussionen zeigt dieser Band nunmehr auf, wie heute die Zeit des Zweiten Weltkrieges und des Nationalsozialismus in der Bevölkerung vergegenwärtigt wird. Die Studie bietet Einblick in ein Erinnerungsgeschehen, das bisher kaum ins Blickfeld der Forschung gerückt ist.

Intergenerationelle Erinnerung in der Schweiz: Zweiter Weltkrieg, Holocaust und Nationalsozialismus im Gespräch

Reihe: Soziales Gedächtnis, Erinnern und Vergessen – Memory Studies

Burgermeister, Nicole und Peter, Nicole

Wiesbaden, Springer VS 2013, 346 S.

Formen und Funktionen sozialen Erinnerns. Sozial- und kulturwissenschaftliche Analysen

Theorien sozialer Gedächtnisse moderner Gesellschaften stehen vor dem Problem, soziale Dynamiken und Differenzierungsprozesse zu integrieren und dabei sowohl interaktionistisch konstituierende Gruppengedächtnisse als auch höherstufige Gedächtnisformen (Systeme, Diskurse, Nation etc.) im Blick zu behalten. Dieser Band versammelt theoretische Konzepte und empirische Forschungen und eröffnet theoretische Verknüpfungen und Anschlussmöglichkeiten. Dabei widmet er sich Funktionen wie Vergessen, Identität und Gedächtnispolitik sowie Formierungen udn Medien sozialer Gedächtnisse.

Formen und Funktionen sozialen Erinnerns. Sozial- und kulturwissenschaftliche Analysen

Reihe: Soziales Gedächtnis, Erinnern und Vergessen – Memory Studies

Lehmann, René; Öchsner, Florian; Sebald, Gerd (Hrsg.)

2013, VI, 272 S. 2 Abb.

Soziologie des Vergessens. Theoretische Zugänge und empirische Forschungsfelder

Lange Zeit konzentrierte sich das sozial- und kulturwissenschaftliche Nachdenken über das Gedächtnis und den Umgang mit Vergangenem auf das Erinnern. In jüngster Zeit rückt jedoch das Vergessen mit seinen gesellschaftlichen Hintergründen und Wirkungen in den Vordergrund des Interesses und den Mittelpunkt höchst kontroverser Diskussionen. Der Sammelband macht deutlich, dass die Soziologie von Maurice Halbwachs bis zu Niklas Luhmann und Pierre Bourdieu über vielfältige theoretische Zugänge zum sozialen Vergessen verfügt. Und er zeigt die Bedeutung des Vergessens als gesellschaftlicher Faktor: vom Internet, das scheinbar 'nichts vergisst', über die Suche nach 'Vergessens-Pillen' bis zu den weiterhin drängenden Fragen nach dem Umgang mit vergangenem Unrecht.

Oliver Dimbath, Peter Wehling (Hg.): Soziologie des Vergessens. Theoretische Zugänge und empirische Forschungsfelder

2011 , 362 Seiten ISBN 978-3-86764-275-0

Soziale Gedächtnisse. Selektivitäten in Erinnerungen an die Zeit des Nationalsozialismus

Der Band greift kulturwissenschaftliche Thesen zu sozialen Gedächtnissen auf und wendet sie soziologisch. Dadurch geraten die Wechselbeziehungen zwischen sozialen Gedächtnissen und ihren Konstitutionsbedingungen in den analytischen Blick. Die Beiträge kreisen um die Frage nach der Selektivität von sozialen Gedächtnissen, also wie, was und nach welchen Kriterien erinnert oder vergessen wird. Das je konkrete soziale Erinnern geschieht vor einem Horizont von formierenden gesellschaftlichen Voraussetzungen, Rahmungen und Strukturen: Differenzierung, Pluralisierung, Generationengrenzen, Medialität, Authentizität, Diskurse und Semantiken, die fallweise in den einzelnen Beiträgen herausgearbeitet werden. Die empirische Grundlage bilden narrative Interviews und Gruppendiskussionen in Familien aus Ost- und Westdeutschland zum Thema Erinnerung der Zeit des Nationalsozialismus, sowie gegebenenfalls an die DDR-Vergangenheit. Eine Rezension findet sich in socialnet .

Tagungen

Wir wollen die soziologische Diskussion zum Thema "Gedächtnis" initiieren und weiterbringen. Dazu organisieren wir Panels, Workshops und thematisch fokussierte Tagungen.

"Vergangene Vertrautheit? Soziale Gedächtnisse des Ankommens, Aufnehmens und Abweisens", Konferenz in Augsburg am 09. und 10. März 2017

Jahrestagung des Arbeitskreises "Gedächtnis Erinnern Vergessen" in Augsburg am 09. und 10. März 2017

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Konferenz »(Digitale) Medien und soziale Gedächtnisse« am 17./18. März 2016 in Erlangen -- Programm

Medialität ist ein konstitutiver Aspekt für Weltzugänge. Das ist in Halbwachs’ Theorie des kollektiven Gedächtnisses ebenso wie in der Assmannschen Konzeption der kulturellen Gedächtnisse oder im systemtheoretischen Theorieentwurf ein Gemeinplatz. Gleichwohl bleiben genauere Bestimmungen des Verhältnisses von Medien zu sozialen Gedächtnissen entweder auf einer sehr allgemeinen Ebene in Bezug auf dieses Verhältnis oder sie sind sehr eng mit einem konkreten empirischen Phänomen verknüpft. Dass Medien zentral für soziale Gedächtnisse sind, ist unbestritten. Wie das in den sozial und medial hochdifferenzierten Gesellschaften der Gegenwart funktioniert, wurde bisher kaum untersucht. Das gilt insbesondere für zwei Aspekte der Medialität:


- »Social Media« und »Cloud Computing« in Verbindung mit mobilen Endgeräten liefern neue Rahmen für soziale Vergangenheitsbezüge. Wie sie sich mit der rasanten Verbreitung von digitalen Medien verändern, wie Erinnern und Vergessen unter den Bedingungen der (mobilen) Digitalisierung auf den unterschiedlichen Ebenen des Sozialen (Alltagswelt, Organisationen, Kollektive, differenzierte Ordnungsbereiche) von statten gehen, ist eine offene Frage.

- Theorien sozialer Gedächtnisse fokussieren vor allem auf textuell-schriftliche Formen des Medialen. Die Gedächtnisfunktion von Bildmedien, seien es Fotografien oder Filme, bleibt theoretisch und empirisch oft unbeachtet. Das gilt nicht zuletzt in Verbindung mit den Prozessen der Digitalisierung: So präsentieren Netzplattformen auch audiovisuelle Inhalte und digitale Produktionsprozesse verändern fiktionale ebenso wie dokumentarische Filme.


Der Arbeitskreis »Soziales Gedächtnis, Erinnern und Vergessen« der Sektion Wissenssoziologie lädt deshalb am 17. und 18. März 2016 zu seiner jährlichen Tagung an die Universität Erlangen ein. Die Tagung wird mit freundlicher (und finanzieller) Unterstützung der Sektion Wissenssoziologie, des Graduiertenkollegs 1718 "Präsenz und implizites Wissen", der Luise Prell-Stiftung und des Zentralinstituts "Anthropologie der Religion(en)" 

Ein Tagungsbericht findet sich auf H-Soz-Kult.

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CfP: Die DDR im sozialen Gedächtnis – theoretische und empirische Zugänge

CfP zur Tagung des Arbeitskreises „Soziales Gedächtnis, Erinnern und Vergessen“ in der Sektion Wissenssoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS)

am 12. und 13. März 2015 im Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB)

Deadline für Abstracts: 31. Juli 2014

Im Herbst 2014 jährt sich der Fall der Berliner Mauer zum fünfundzwanzigsten Mal. Zudem feiert das vereinigte Deutschland im nächsten Jahr sein 25-jähriges Jubiläum. Erinnern und Vergessen eines zentralen Ereignisses der jüngeren deutschen Geschichte rücken damit wieder in den Fokus der Öffentlichkeit. Der Arbeitskreis „Soziales Gedächtnis, Erinnern und Vergessen“ in der Sektion Wissenssoziologie der DGS nimmt dies zum Anlass, im Rahmen einer Tagung nach der Repräsentation der DDR im sozialen Gedächtnis zu fragen.

 

In den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten haben sich auf zahlreichen gesellschaftlichen Ebenen unterschiedliche Vergangenheitsdiskurse herausgebildet, die eine Vielfalt DDR-bezogener Gedächtnisse vermuten lassen. Die Tagung richtet daher den Blick auf die Konstitution sowie die Rekonstruktion dieser Gedächtnisformen und fragt danach, auf welche Weise, unter welchen Bedingungen und mit welchen Folgen diese aufeinander Bezug nehmen – oder nicht. So lassen sich (private) Erinnerungsgemeinschaften wie Familien, (sub-)politische Vereinigungen oder auch religiöse Gruppen, die in ihrer kommunikativen Praxis implizit oder explizit DDR-Narrative erzeugen, von jenen Gedächtnisformen unterscheiden, die in Form (öffentlich) organisierten Erinnerns auf die Vergangenheit rekurrieren mit dem Ziel, ein offizielles Geschichtsbild zu etablieren. Darüber hinaus spielen auch Massenmedien und (erinnerungs-)politische Diskurse in Bezug auf die DDRVergangenheit eine entscheidende Rolle. Doch nicht alles findet Eingang in die Auf-, Be- und Verarbeitung von Vergangenheit, sodass auch ein Blick auf das notwendig ist, was in Vergessenheit gerät und somit – bewusst oder unbewusst – aus dem sozialen Erinnerungsprozess ausgeklammert wird. Entsprechend gilt es ebenfalls zu fragen, welche Relevanzen hinter dem Vergessen bestimmter Aspekte der DDR-Vergangenheit stehen.


Gesucht werden sowohl Beiträge, die am Beispiel der DDR-Vergangenheit theoretische Einsichten zu Konstitutionsbedingungen und Funktionsweisen sozialer Gedächtnisse ermöglichen, als auch solche, die auf empirischen Forschungsergebnissen aufbauend konkrete Prozesse der Ausdifferenzierung von Erinnern und Vergessen in Bezug auf die DDR in den Blick nehmen. Erwünscht sind unter anderem Beiträge zu folgenden, keineswegs erschöpfenden Fragestellungen:

 

  • In welchem Verhältnis stehen die öffentliche (politische, mediale, kulturelle) Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheit und private oder gruppenspezifische Erinnerungsdiskurse? Inwiefern lassen sich Spannungen und konkurrierende Leiterzählungen sowie eine Ausbildung divergierender sozialer Gedächtnisse beobachten? Welche unterschiedlichen Modi des Erinnerns und Vergessens finden auf den jeweiligen Ebenen statt?
  • Wie gestaltet sich die DDR-Erinnerung in Bezug auf den wechselseitigen inter- und intragenerationalen Austauschprozess geschichtlichen Wissens? Wie erfolgt die Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen DDR-Generationen und Angehörigen nachfolgender Generationen? Können wir in Bezug auf die DDR-Vergangenheit bereits von einem „floating gap“ nach Assmann (1992) sprechen, der kulturelle Erinnerungspraktiken im Vergleich zum kommunikativen Gedächtnis als Generationengedächtnis zunehmend bedeutsamer werden lässt?
  • Welche Ereignisse und Erfahrungen der DDR-Vergangenheit werden erinnert, welche hingegen vergessen? Wann, warum und in welchen Kontexten findet das Vergessen DDRspezifischer Orientierungen und Deutungsmuster statt? Welche Funktion erfüllt das Vergessen der Vergangenheit für die Gegenwart? Was muss bewusst ausgegrenzt und verdrängt werden, um die jeweilige Leiterzählung nicht zu gefährden? Inwiefern findet durch Vergessen und Verdrängen oder aber durch eine idealisierende Verklärung und Überzeichnung „positiver“ Erinnerungen eine Mythenbildung statt, die zu einer Überhöhung und Glorifizierung der DDR als identitätsstiftendem Moment im gesellschaftlichen Umbruch führt?
  • Wie wird international auf die DDR geblickt und welche narrativen Rahmungen spielen dabei eine Rolle? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der international geführten Debatte um das DDR-Gedächtnis und entsprechenden  Vergangenheitsdiskursen im deutschsprachigen Raum lassen sich feststellen?
  • Lässt sich auch nach 25 Jahren Wiedervereinigung eine spezifische „Ost-Identität“ ausmachen, von der etwa Thomas Ahbe (2013)2 spricht? Kann diese ggf. auf DDR-spezifisches habituelles Wissen und routinierte Alltagspraktiken zurückgeführt werden? Oder spiegelt sie vielmehr eine Reaktion auf den abrupt erfolgten gesellschaftlichen Wandlungsprozess nach 1989 wider? Welche gemeinschaftsbildenden Narrative leben – etwa in Form von ‚Ostalgie‘ – darin weiter, welche müssen hingegen verdrängt und vergessen werden, um eine gemeinsame Identität ausbilden zu können?
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13./14.3.2014 Tagung "Organisation und Gedächtnis" in Hamburg

Am 13. und 14. März fand die Tagung "Organisation und Gedächtnis" des Arbeitskreises „Soziales Gedächtnis, Erinnern und Vergessen“ in der Sektion Wissenssoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS)  an der Führungsakademie der Bundeswehr, Hamburg statt.

In der kultur- wie sozialwissenschaftlichen Gedächtnisforschung besteht Einigkeit darüber, dass Phänomene von Erinnern und Vergessen auf unterschiedlichen Aggregatebenen des Sozialen stattfinden und beobachtet werden können. Während das bzw. die Gedächtnisse politischer Kollektive (z.B. Nationalstaaten) oder sozialer Gruppen
wie der Familie inzwischen vergleichsweise gut untersucht sind, liegen zu Prozessen von Erinnern und Vergessen in organisationalen Kontexten bislang nur vereinzelt Erkenntnisse vor. Der Arbeitskreis „Soziales Gedächtnis, Erinnern und Vergessen“ nimmt dies zum Anlass, um im Rahmen einer Tagung zu „Organisation und Gedächtnis“ die beiden durch ‚Gedächtnis‘ und ‚Organisation‘ bezeichneten Forschungsperspektiven miteinander zu verknüpfen. Ziel dabei ist es, sowohl die Erkenntnisse über Formen und Funktionsweisen sozialer Gedächtnisse durch die spezifische Berücksichtigung von Organisationen als ‚Ort‘ von Gedächtnis bzw. als Feld für Vorgänge von Erinnern und
Vergessen zu erweitern, als auch umgekehrt bestehende organisationssoziologische Ansätze um Fragestellungen, wie sie mit den Konzepten Gedächtnis, Erinnern und Vergessen einhergehen, zu ergänzen und/oder zu präzisieren. Gesucht werden sowohl Beiträge, welche die Schnittstellen von Gedächtnis- und Organisationstheorien behandeln, als auch solche, die, auf empirische Forschungsergebnisse gestützt, das Gedächtnis bestimmter Organisationen
(Wirtschaftsunternehmen, staatliche Verwaltungsbehörden, Kirchen, Universitäten, Armeen, Parteiverbände etc.) in den Blick nehmen und dabei mindestens eine der folgenden Fragen adressieren:

  • Welche Rolle spielen Organisationen als Orte bzw. Träger von Gedächtnis in bestehenden Gedächtnistheorien? Welche spezifischen Einsichten für eine Theorie sozialer Gedächtnisse ergeben sich aus einer Berücksichtigung organisationaler Praktiken von Erinnern und Vergessen?
  • Inwieweit werden im Rahmen organisationssoziologischer Ansätze Fragen von Gedächtnis, Erinnern und Vergessen und somit Aspekte der Temporalität organisationaler Wissensbestände bzw. Praktiken behandelt? Welche zentralen Einsichten für die theoretische Beschreibung von Organisationen und organisationaler Praktiken sind damit verbunden?
  • Wo bzw. wie finden Erinnern und Vergessen in Organisationen konkret statt? In welchem Verhältnis stehen unterschiedliche Hierarchiestufen und Ebenen (individuelle Ebene, organisationale Ebene, Organisationsleitung) im Prozess des Erinnerns und Vergessens zueinander? Unter welchen Bedingungen kann davon ausgegangen werden, dass etwas – von den Organisationsmitgliedern und/oder der Organisation als solcher – erinnert oder vergessen wird?
  • In welchem Verhältnis steht das, was Organisationen nach außen als ihre Vergangenheit beschreiben, zu dem, was organisationsintern als ‚Vergangenheit‘ die Alltagspraxis bestimmt? Welche Einflüsse bzw. Wechselwirkungen in Bezug auf die Organisationsumwelt lassen sich dabei konstatieren?
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7./8.3.2013 „Der Körper als Gedächtnis?“ in München

Der Körper als Gedächtnis? Potenziale und Grenzen praxistheoretischer, alltags- und
körpersoziologischer Zugänge zu sozialem Erinnern und Vergessen


Nicht nur im alltäglichen Verständnis, sondern auch in weiten Teilen des sozialwissenschaftlichen und politischen Diskurses gelten Gedächtnis, Erinnern und Vergessen primär als Bewusstseinsvorgänge und mentale Prozesse, nämlich als Aufbewahrung, Wiedererlangung oder Verlust sprachlich oder bildhaft vorliegender Bewusstseinsinhalte und Wissensbestände. Diese Sichtweise wurde durch die französische Theorietradition um den Begriff des kollektiven Gedächtnisses (Maurice Halbwachs) ebenso erweitert wie durch die jüngere Konzeption eines kulturellen Gedächtnisses (Jan und Aleida Assmann). Gleichwohl ist vor allem in den letzten Jahren auch in der Soziologie – nicht zuletzt im Anschluss an die Lebensphilosophie Henri Bergsons auf der einen und die Phänomenologie Maurice Merleau-Pontys auf der anderen Seite – zunehmend erkannt worden, dass Gedächtnis, Erinnerung und Vergessen auch eine körperliche Seite haben oder sogar körperbasierte, körperliche Vorgänge sind. Damit ist nicht nur gemeint, dass auch mentale Prozesse an einen Körper gebunden sind (vgl. Jörg Michael Kastl), sondern dass sich gesellschaftliche und gesellschaftlich geprägte individuelle Vergangenheiten gleichsam „direkt“ in den Körper einschreiben oder sogar gezielt in ihn eingeschrieben werden (vgl. Alois Hahn).


Die Soziologie bietet hierfür eine Reihe von Theorieperspektiven an. Zu den prominentesten gehört sicherlich Pierre Bourdieus Konzept des Habitus, worin der Körper, so Bourdieu, als „Gedächtnisstütze“ für frühere (klassen- und/oder geschlechtsspezifische) soziale Prägungen fungiert. Der Körper rufe sich aber die Vergangenheit nicht als Wissensinhalt ins Gedächtnis, sondern im Habitus „agiere“ er die Vergangenheit „aus“, in einer dem Bewusstsein nicht oder allenfalls partiell zugänglichen Weise. In ähnlicher Weise charakterisiert der Begriff des Gewohnheitswissens von Alfred Schütz ein Wissen, das eingelebt oder eingeübt, dessen Erwerb jedoch vergessen wurde. Das bei Schütz entwickelte Konzept der Relevanzstruktur steht zudem für eine eingelebte, biographisch
aufgeprägte Lenkung der Aufmerksamkeit, die ebenfalls als nicht hinterfragtes Wissen behandelt werden muss. Auch die Konzepte des impliziten, inkorporierten Wissens verweisen auf Formen eines körpergebundenen, vorbewussten „Lernens“ und Erinnerns.


In den nach wie vor überwiegend am bewussten, mentalen Erinnern (und Vergessen) orientierten „Mainstream“ des kulturwissenschaftlichen und politischen Gedächtnis-Diskurses haben solche Überlegungen bisher nur begrenzt Eingang gefunden. Es bietet sich daher an zu fragen, ob und wie sich dieser Diskurs und die darin verhandelten Themen verändern würden, wenn die Rolle des Körpers und körpergebundener alltäglicher Praktiken, Verhaltensmuster und Wahrnehmungsschemata als „Gedächtnisstützen“ hierin stärkere Beachtung fände. Gleichzeitig werfen die vorliegenden Konzeptionen des inkorporiert-praktischen Gedächtnisses, Erinnerns und Vergessens aber auch eine Reihe ungeklärter theoretischer und empirischer Fragen auf. Thema und Ziel der Tagung ist es daher, unter verschiedenen Aspekten die theoretischen, analytischen und methodischen Potenziale und Grenzen praxistheoretischer, alltags- und körpersoziologischer Zugänge zu sozialem Erinnern und Vergessen auszuloten. Erwünscht sind Beiträge unter anderem zu folgenden Fragestellungen und

  •  Welche Theorieangebote zum körpergebundenen Gedächtnis hat die Soziologie aufzuweisen, worin bestehen deren jeweiligen Stärken und Schwächen, in welchem Verhältnis stehen sie zueinander? Wie lässt sich die Entstehung von inkorporierten Gedächtnissen soziologisch beschreiben und rekonstruieren, welche sozialen Wirkungen solcher Gedächtnisse lassen sich beobachten? Welche empirischen Phänomene sind in dieser Hinsicht besonders interessant und aufschlussreich? Lassen sich dabei Verbindungen zu neurowissenschaftlichen  Gedächtnisforschungen herstellen?
  •  Wie lässt sich das Verhältnis mentaler und körperlich-praktischer Erinnerungsprozesse soziologisch bestimmen? Beruhen Körpergedächtnisse notwendigerweise auf einem Vergessen der Umstände und Kontexte ihres Erwerbs und operieren sie in jedem Fall vor- oder unbewusst? Wie lassen sich die Praktiken des Lernens, Übens oder Einübens bzw. des Einstudierens oder Trainierens wissenssoziologisch fassen? Ist letztlich auch der Erwerb rein kognitiven Wissens im Hinblick auf dessen Erinnerbarkeit ein körperlich-praktischer  Vorgang? Können mentale und inkorporierte Gedächtnisformen möglicherweise in einer übergreifenden soziologischen Theorie des sozialen Gedächtnisses verknüpft werden? Oder ist es ohnehin nicht mehr als eine Metaphorik, im Fall inkorporierter Verhaltensmuster und Wahrnehmungsschemata von     „Gedächtnis“, „Erinnerung“ und „Vergessen“ zu sprechen?
  •  Inwiefern trifft die häufig mit Bourdieus Habitus-Konzept in Verbindung gebrachte These zu, dass     Körpergedächtnisse „stabiler“ sind als mentale Gedächtnisse und dass ihre „Inhalte“ daher dem               Verlernen und Vergessen gegenüber weit sperriger sind als bewusste Gedächtnisinhalte und                Erinnerungen? Oder bestehen doch mehr Möglichkeiten als vermutet, körperbasierte               Verhaltensdispositionen wieder zu verlernen? Kann es ein „befreiendes“ Vergessen                  herrschaftsförmig geprägter Dispositionen geben, und kann man evtl. sogar das Verlernen von                     Elementen des Körpergedächtnisses lernen?
  • Falls die These der größeren Stabilität von Körpergedächtnissen jedoch bis zu einem gewissen Grad zutrifft und beispielsweise Rassismus oder Sexismus nicht nur auf kognitiven „Wissens“-Beständen beruhen, sondern auch auf inkorporierten, vorbewussten Verhaltens- und Wahrnehmungsschemata, welche Konsequenzen hätte dies für den politischen Umgang mit autoritären, gewalttätigen gesellschaftlichen Vergangenheiten? Müsste der bisherige Fokus des Gedächtnis- und Gedenkdiskurses auf kognitiven Lernprozessen und bewusstem Erinnern an bestimmte historische Ereignisse dann nicht systematisch zu kurz greifen?

 

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22./23.3.2012 Gedächtnis, Erinnern und Vergessen im Kontext soziologischer Theorien in Augsburg

Nachdem vor über 25 Jahren Fragen nach kulturellen Phänomenen des Gedächtnisses, des Erinnerns und des Vergessens vor allem durch Vertreter(innen) der Kulturwissenschaften wiederentdeckt worden sind, zeichnet sich seit wenigen Jahren auch in der Soziologie ein über vereinzelte Vorstöße hinaus gehendes Interesse an diesen
Problemen ab. Dabei scheint sich der Umgang mit dem Thema auch hier in zwei Richtungen weiterzuentwickeln: Auf der einen Seite finden sich zunehmend theoriesystematische Beiträge, die entweder eine soziologische Theorie des
wollen Gedächtnisses, Erinnerns und/oder Vergessens (weiter-)entwickeln beziehungsweise den Versuch unternehmen, die mit den Begriffen verbundenen Probleme in bestehende Theorien zu integrieren. Auf der anderen Seite gibt es im Rahmen der Disziplin eine Reihe von empirisch ausgerichteten Forschungsprojekten, die – meist an Schnittstellen zu Geschichtswissenschaft/Oral History, Volkskunde, Kulturwissenschaft, Organisationsforschung oder Politikwissenschaften – ihre Analysen bereits unter Verwendung der Gedächtnisterminologie anstellen. Auf soziologischen Tagungen und Kongressen der vergangenen Jahre gab es immer wieder die Gelegenheit des Austauschs über die Gedächtnisthematik. Nicht zuletzt aufgrund dieser kleinen ‚Konjunktur‘, scheint es nun an der Zeit zu sein,

a) an der Überprüfung des Stellenwerts von Gedächtnis, Erinnern und Vergessen im Vergleich mit anderen soziologischen Theorie- und Begriffsangeboten (bspw. Wissensvorrat, Institution, Kultur, Diskurs, Habitus) hinsichtlich möglicher Konvergenzen und Divergenzen weiterzuarbeiten,
b) das begriffliche Instrumentarium dieses Deutungszusammenhangs schärfer zu akzentuieren, damit
c) den vielfältigen empirischen Analysen ein soziologisch profilierteres elaboriertes Begriffssystem zur Verfügung zu stellen und schließlich
d) eine Systematisierung empirischer Untersuchungsperspektive vorzunehmen. Forschungsfelder im Kontext dieser
Untersuchungsperspektive vorzunehmen.

Adressiert wird gemäß den genannten Punkten ein Forschungsinteresse, das die gezielte Arbeit an einer begrifflichen und theoretischen Schärfung der um soziologische Fragen von Gedächtnis, Erinnern und Vergessen gelagerten Konzepte fokussiert. Eine Hauptaufgabe könnte somit darin bestehen, das soziale Gedächtnis/Erinnern/Vergessen hinsichtlich seiner kognitiv-reflektierenden, seiner inkorporiert-praktischen und/oder seiner technisch-objektivierten Ausprägungen zu untersuchen und terminologisch konsistent auszuarbeiten.



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10.-12.12.2010 Formen und Funktionen sozialer Gedächtnisse - Sozial- und kulturwissenschaftliche Perspektiven in Erlangen

Die Problemstellung der Konferenz richtet sich auf die theoretische Durchdringung der sozial- und kulturwissenschaftlichen Untersuchungen zu sozialen Gedächtnissen. Vor dem Hintergrund einer großen Anzahl von empirischen Forschungen zu sozialer Erinnerung und Gedächtnissen seit den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in den Sozial- und Kulturwissenschaften, ist die geringe Dichte von übergreifenden theoretischen Überlegungen dazu ein erstaunlicher Befund. Hier möchte die Tagung ansetzen und mögliche Integrationspotentiale der unterschiedlichen theoretischen Ansätze und empirischen Untersuchungen ausloten.

In der Selbstbeschreibung der Moderne tritt an die Stelle einer Großerzählung zur Vergangenheit eine Vielzahl sozialer Gedächtnisse auf unterschiedlichen Ebenen, die nicht miteinander kompatibel sein müssen. Aktuelle Analysen zu sozialen Gedächtnissen sind jedoch entweder auf sich interaktionistisch konstituierende Gruppengedächtnisse gerichtet oder aber auf höherstufige Gedächtnisformen (Systeme, Diskurse, Organisationen, Nation etc.) ohne erstens die unterschiedlichen Ebenen genauer zu bestimmen und zweitens die Übergänge und Wechselwirkungen zwischen den jeweiligen Formen ausreichend zu klären. Eine Theorie sozialer Gedächtnisse steht deshalb vor dem Problem, gesellschaftliche Dynamik, kulturelle Pluralisierung und Differenzierungsprozesse zu integrieren, ohne Interaktionszusammenhänge wie Familien oder Milieus auszublenden. Die im Umlauf befindlichen Begriffe und Formbestimmungen von sozialen Gedächtnissen sollen dafür jedoch nicht einfach nebeneinander gestellt werden. Stattdessen möchten wir die diesen Begriffsbildungen zugrunde liegenden Formierungs- und Konstitutionsprozesse theoretisch und empirisch in den Blick nehmen, um damit Konfliktlinien, aber auch mögliche Integrationspotentiale auszuloten.

Die Tagung möchte theoretische Konzepte und empirische Forschungen zu sozialen Gedächtnissen in einem interdisziplinären Rahmen diskutieren sowie auf dieser Basis nach theoretischen Erweiterungen und Anschlussmöglichkeiten fragen. Von performativen Praxen, narrativen Interaktionssituationen, bis hin zu Diskursen sollen Konstruktionen und Repräsentationen von Vergangenheit betrachtet werden - in Verbindung mit Problemstellungen wie Vergessen, Authentizität, Faktizität und Geltung oder Traditionsbruch. Damit soll einerseits die Zukunftsgerichtetheit sozialer Gedächtnisse in Form von sich immer wieder neu konstituierenden Erwartungshorizonten deutlich werden. Andererseits gilt es, soziale Gedächtnisse in ihrer Funktion als Tradierungsmechanismen zu analysieren, hinsichtlich der spezifischen Selektivitäten, die sich an den Schnittstellen (zwischen Personen, Gruppen, Generationen, Diskursen etc.) ausbilden und das je spezifische Verhältnis von Erinnerung und Vergessen konstituieren. Entsprechend wichtig ist die Bestimmung der jeweiligen Funktionalität von Gedächtnissen für die Prozesse der sozialen und individuellen Sinnbildung, sei es in biographischer oder systemischer Hinsicht. Daran schließt wiederum die Reflexion institutionalisierten Erinnerns und des eigenen Sprechortes an: WissenschaftlerInnen sind an der Praxis des (institutionalisierten) Erinnerns direkt und indirekt beteiligt und stehen somit selbst vor der Herausforderung dessen Kontexte, Bedingungen, (politischen) Zwecke und die damit verbundenen Ideologien zu befragen.

Als Plenarvortragende sind eingeladen: Paul Connerton (Cambridge), Elena Esposito (Reggio Emilia), Mary Fulbrook (London), Christian Gudehus (Essen), Jeffrey Olick (Charlottesville), Gabriele Rosenthal (Göttingen), Joanna Tokarska-Bakir (Warschau), Daniel Levy (New York) Konferenzsprachen sind deutsch und englisch.

Es können u.a. Beiträge zu folgenden Themenbereichen eingereicht werden (auch weitere Vorschläge sind möglich):

  • Individuum -- Interaktion -- Gesellschaft: Grenzen und Übergänge zwischen den Gedächtnisformen
  • Metaphern, Begriffe und Formen sozialer Gedächtnisse und ihre Formierungsbedingungen
  • Einfluss gesellschaftlicher Differenzierung auf soziales Erinnern (Generationen, Klassen, kulturelle Pluralisierung, Gender etc.)
  • Transformation sozialer Gedächtnisse (Wechselwirkungen gesellschaftlicher Transformationsprozesse und sozialer Gedächtnisse)
  • Faktizität, Authentizität und Erfahrungsraum
  • Medien, Diskurse und ihre Funktionen für das Erinnern
  • Repräsentationen der Vergangenheit (Körpergedächtnis, Rituale, Gedächtnisorte etc.)
  • Soziale und individuelle Praxen der Erinnerung
  • Transgenerationelle Weitergabe und Tradierungsbrüche
  • Erinnern und Vergessen zwischen Institution, Macht und Ideologie
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